Liebe Katze… – ein Brief vom Jeep ans Moped

Liebe Katze,

obwohl wir uns nie persönlich vor die Räder gefahren sind, glaube ich, dass Du mich derzeit am besten verstehst. Ich bin nämlich in genau derselben Situation wie Du vor einem Jahr. Sie haben mich ausgesetzt!

KatzenabenteuerZugegeben, anfangs warst Du mir sehr unsympathisch. Hörte ich doch ständig von Uli: „Ob der Lion King wohl so gut ist wie unsere Katze? Ich hab da so meine Zweifel…“ Und das alles nur, weil ich aus purer Fahrfreude hin und wieder ein Kupplungs-Quietschen von mir gab. Ach, und ein bisschen Öl verlor. Ich meine, ich bin ja auch schon etwas in die Jahre gekommen, da wird man doch mal etwas inkontinent sein dürfen. Ist ja auch nicht so, dass das bei den älteren australischen Autos eine Seltenheit wäre. Und andauernd schwärmten die beiden von ihrem ach-so-einmaligen Roadtrip mit ihrem ach-so-tollen Moped Katze durch Thailand, Laos und Kambodscha. Du gingst mir vielleicht auf die Nerven…

Sonnenuntergang - nur wir und die Katze in THailand

Als ich es nicht mehr ausgehalten hab, ist mir der Kragen geplatzt und ich hab mit Zündkerzen geschossen. Ha, geradewegs rauskatapultiert hab ich sie, in voller Fahrt. Da hat Uli vielleicht gestaunt. Sowas hat er noch nie erlebt! Einen Sound hab ich dazu von mir gegeben, wie die größte Harley Davidson! Das war vielleicht ein Spaß 😀 Mit einem Löwen legt man sich eben besser nicht an.

In der Kimberleys WildernessEin paar Tage später hat Uli mir dann neue Zündkerzen eingebaut, sogar tolle deutsche von Bosch. Und gleich dazu hat er sich endlich mal ein bisschen um mich gekümmert; mir einen Ölwechsel und andere kleine Schönheitsanwendungen verpasst. Das tat vielleicht gut. Ich fühlte mich danach wie ein richtiger Schmusetiger. An diesem Tag haben wir uns ein bisschen näher angefreundet. Zum Dank hab ich mich im Anschluss mustergültig benommen. Ich bin ja schließlich kein Unmensch auf Räderni.

Uli und ich verbrachten jetzt regelmäßig Zeit zusammen. Wir Lion King auf den Haarnadelkurven in Tasmanienhatten sogar kleine Freundschaftsrituale. Wie z.B. dass morgendliche Aufklappen meiner Motorhaube, um nach dem Ölstand zu sehen, bevor es auf einen neuen langen Tag auf den Highway ging. Oder in die Wildnis. Durch die tiefsten Sanddünen und den dichtesten Dschungel hab ich die 2 gebracht. Kein Sand war mir zu weich, kein Fluss zu tief und kein Abhang zu steil.

Und wann immer Biene etwas Zeit zum Bericht schreiben für den Reiseblog der beiden brauchte, machten Uli & ich einen Männertag! Zu schrauben und zu basteln gab es immer was. Wie das Licht, dass er hinten in den Kofferraum gebaut hat, damit die beiden auch was sahen, wenn sie mal wieder im Dunkeln kochten.

Lion King in der Bay of Fire

Insgesamt haben wir über 40.000 Kilometer gemeinsam zurück gelegt. 40.000 Kilometer! (ha, damit habe ich Dich mit Eurem 4.000 Kilometer-Radtrip durch Laos, Kambodscha und Thailand locker abgehängt, Mieze). Einmal komplett rund um Australien, dazu kreuz und quer über und rund um Tasmanien und sogar ein Abstecher ins rote Zentrum Australien’s mitten durch die Wüste war noch drin! Das war vielleicht ein Spaß! Was wir unterwegs alles gesehen haben…unglaublich!

Ein toller ÜbernachtungsplatzTagsüber brachte ich die beiden von A nach B. Gegen Einbruch der Dämmerung ging es dann meist in den Busch an irgendein abgelegenes, landschaftlich schön gelegenes Fleckchen. In 2 Minuten das Gepäck anders verstaut, bot ich ihnen dann Nacht für Nacht ein zuverlässig warmes und bequemes Zuhause zum Schlafen. Ich gab ihnen die Flexibilität, überall anzuhalten wo sie wollten und so lange an einem Ort zu bleiben, wie es ihnen gefiel. Oder wenn nicht, eben auch sofort weiterzufahren. Gleichzeitig war ich ein unschlagbarer Weggefährte! Meinem starken Allradantrieb war kein Gelände zu unwegsam. Und trotzdem schauten wir dank meinem schicken Äußeren nicht schon von weitem wie ein typisches Backpacker-Trio aus. Das hat uns sicher in so mancher Stadt vor einem frühmorgendlichen Kontrollbesuch der Ranger bewahrt.

Dann im Oktober erkannte ich die ersten Anzeichen, dass irgendetwas im Busch ist. Auf einmal wurde ich gesaugt! Der komplette Innenraum wurde geputzt. Ich meine, wer wäre da nicht misstrauisch geworden? Da fuhren wir nun schon fast ein dreiviertel Jahr durch den tiefsten australischen Busch, mein einst blassgraues Fell ist schon monatelang von einem kräftigen Rotschimmer überdeckt – und jetzt auf einmal verbringt Biene 4 Stunden damit, mich auszusaugen und jeden noch so kleinen Krümel aus meinen Falten und Polstern herauszuholen?? Höchst verdächtig!

Und dann wurde ich auch noch poliert! POLIERT! Spätestens jetzt war mir klar, irgendwas geht hier vor sich. Und dann noch dieser mysteriöse Blitzbesuch mit geliehenen Reifen in der Werkstatt, um bestätigen zu lassen, dass ich fit bin. Natürlich bin ich das, ich bin ein starker Löwe!

...die letzte Nacht in unserem GoldstückUnd all dieser Besuch. Natürlich ist mir klar, dass die beiden stolz auf mich, ihr Glanzstück, sind, aber dass sie mich auf einmal all ihren neuen Freunden vorstellen und die mich interessiert von oben bis unten betrachten, ist mir doch neu.

Und dann dämmerte es mir: die beiden wollen mich los werden! Aber nicht mit mir, Herrschaften! In einem plötzlichen Anfall von Frust zog es mir die Stirnfalten zusammen. So sehr, dass aus dem kleinen Steinschlag, der seit einigen Wochen meine Windschutzscheibe zierte, ein ordentlicher Riss wurde! Ha! Da haben die beiden ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt.

AbschiedsschmatzerAllerdings merkte ich bald, dass ich mir damit ins eigene Fleisch geschnitten hatte. Nun konnten die beiden mich gar nicht schnell genug los werden. Gerade einmal 2 Wochen nachdem sie mich im Internet ausgeschrieben hatten, gingen sie auf ein neues Angebot des ersten Interessenten ein. Sicherheitshalber. Inzwischen zog sich der Riss schon über die komplette halbe Seite der Scheibe.

Und weißt Du was? Die Füchse haben es doch tatsächlich geschafft, mich für mehr Geld wieder zu verkaufen, als sie für mich bezahlt haben! Genau so, wie sie es bei Dir auch geschafft haben! Unglaublich, nicht wahr?

Was mir aber doch ein wenig Befriedigung verschafft hat, war, dass es den beiden ganz und gar nicht leicht gefallen ist, meine Schlüssel an meinen neuen Besitzer zu übergeben. Sogar die Tränen musste sich Biene verdrücken. Kein Wunder, war ich den 2 doch fast ein Jahr lang nicht nur Transportmittel, sondern auch Zuhause!

Schlüsselübergabe

Aber letzten Endes half alles nichts. Mich über den Pazifik zu verschiffen, das wollten sie sich nicht leisten. Dafür wäre ich ihnen dann doch zu alt. Pah! Und mich wie vom Farmer angeboten in den Schuppen zu stellen, bis sie eines Tages wiederkommen, das wollten sie dann auch nicht. Sie wollen ja unbedingt unabhängig und ohne Ballast weiter um die Welt reisen.

Unser AmphibienfahrzeugHach Katze, die beiden fehlen mir jetzt schon! Wir hatten eine unvergessliche Zeit zusammen und unser Roadtrip rund um Australien war einfach einmalig! Wird das Gefühl des Verloren seins mit der Zeit besser? Wie geht es Dir jetzt in den Reisfeldern von Chiang Mai? Langweilst Du Dich auch so sehr ohne die 2 Abenteurer?

Für mich geht es ja jetzt bald wieder los. Mein neuer Besitzer ist auch wieder ein Backpacker. Hat mich samt der kompletten Ausrüstung, die die 2 anschafften, übernommen. Und dem soll ich nun die schönsten Ecken Australien’s zeigen. Kein Problem für mich. Ich kenn mich ja jetzt aus.

…Ich hoffe nur, der Neue malt mein Nummernschild nicht gelb an und hängt einen Wohnwagen an meine Anhängerkupplung! Er ist nämlich Holländer… 😀

Mach es gut, Katze!

Viele Grüße nach Thailand,
Dein Lion King