Roadtrip mit Fremden – Per Anhalter durch Neuseeland Teil 1

Unsere Tramper-Karriere beginnt vielversprechend: Die erste Mitfahrgelegenheit auf neuseeländischem Boden stauben wir gleich am Aucklander Flughafen ab. Nach unserem späten Flug aus Tonga haben wir hier noch die Nacht verbracht. Wir schlafen fast so gut wie vor 2 Jahren, als wir in der Abflughalle des Flughafens in Macau zelteten.

Der nette Lift in die Innenstadt spart uns die ersten 40 $ und schenkt uns einen Vorgeschmack auf die große Hilfsbereitschaft der Neuseeländer, die wir in den kommenden Wochen noch oft werden erleben dürfen. 2 Tage in Auckland verfliegen mit Ausrüstungs- und Proviantkäufen, ausgiebigen Stadtbummeln, der (Wieder-)Entdeckung Auckland’s schönster Ecken und einem kleinem Familientreffen.

ROADTRIP MIT FREMDEN

Und dann geht es ab auf die Straße! Wir stehen gefühlte 2 Minuten am Straßenrand, als das 1. Auto für uns anhält. Mit nimmt es uns nicht – aber die Fahrerin gibt uns den wertvollen Hinweis, dass wir mit unserem Schild „Nord“ an der Ausfallstraße Richtung Süden wahrscheinlich nicht viel Glück haben werden. Huch! Wir wechseln rasch den Standort und schon klappt es.

Eine Nacht im Zelt und 4 Mitfahrgelegenheiten später kommen wir gegen Mittag des nächsten Tages am Scott’s Point an. Der Weg hierher führt über den 90 Miles Beach. Genau – über den Strand. Der 88 Kilometer lange Strand ist sogar offiziell als Straße verzeichnet. Der coole Telefontechniker, der an diesem Tag geschäftlich ins hohe Nordland muss und uns zur Gesellschaft auf die zweistündige Fahrt mitnimmt, fährt zu unserem Glück lieber den Strand entlang als über den Highway zu kurven. So kommen wir ganz umsonst zu diesem Vergnügen. (Preis für eine dementsprechende Tagestour im Allrad-Bus: ca. 100 NZ$!) Die Fahrt erinnert uns an die vielen Male, die wir mit unserem Lion King über die einsamen Strände Australien’s gebrettert sind. Ein Gefühl von purer Freiheit!

einfach wunderschön - der hohe Norden Neuseelands

Vom Scotts Point aus wandern wir in umgekehrter Richtung die 1. Tagesetappe des Te Araroa Trails zum Cape Reinga. Blöd nur: auf den letzten Kilometern der Fahrt fängt es an, wie aus Kübeln zu schütten. Bis wir ausgestiegen sind und unsere Regenjacken übergezogen haben, sind wir eigentlich schon klatschnass ….aber frohgemuten Wanderern kann so ein kleiner Regenschauer ja nichts anhaben. Also auf geht’s! Wir laufen auf matschigen Wegen die trotz Regen wunderschöne Küste entlang, bewundern die hohen Sanddünen Te Paki´s und schlittern über vor langer Zeit zu Fels gewordene Lava. Das letzte Teilstück führt uns über steile Felsen in der Brandung – eigentlich ist dieser Weg nur für Ebbe gedacht und wir holen uns in der steigenden Flut von den gegen die Felsen klatschende Wellen unter heftigem Herzklopfen gleich mehrfach nasse Füße. Am Ende des Küstenabschnittes finden wir eine schöne Bucht mit weichem Gras. Wir schlagen unser Zelt auf und springen in der Abenddämmerung noch kurz ins Meer. Die steilen Klippen der Nordspitze Neuseelands können wir schon erkennen. Unser Zelt beweist sich in dieser Nacht als wasserdicht.

Nur noch eine halbe Stunde steiler Aufstieg am nächsten Morgen, dann stehen wir am nördlichsten Punkt Neuseelands. Cape Reinga! Blütenweiss hebt sich der kleine Leuchtturm vor dem blauen Himmel ab. Schon seit Jahrhunderten weist er Seefahrern den Weg. Für die Ureinwohner Neuseelands, die Maori, ist das Kap ein heiliger Ort. Von hier aus treten die Seelen ihrer Verstorbenen die Reise in eine andere Welt an. Tief unter uns treffen zwei Ozeane tosend aufeinander! Wo die Strömungen von Pazifik und Tasman Sea aufeinander brechen, entsteht eine weissschäumende, wilde Brandung. Wir schauen in alle Richtungen und genießen eine Weile die friedliche Stimmung an diesem besonderen Ort. So früh am Morgen sind noch nicht viele Besucher hier.

Damit haben wir Neuseeland’s nördlichsten Punkt 1,5 Tage nach unserem Aufbruch in Auckland erreicht. Die 442 Kilometer hätten wir auch mit einem eigenen Transportmittel kaum schneller zurücklegen können. Und zurück sollte es sogar noch zügiger gehen: bis nach Kataia nimmt uns der Holländer Mink mit, der statt in Europa zu studieren lieber 2 Jahre als Matrose durch die Südsee gesegelt ist und nun mit seinem VW-Bus durch Neuseeland zieht und eine Kitesurflehrer-Ausbildung absolviert. Philosophischen Gesprächen über den Sinn des Reisen und des Lebens sollten schon bei unserem nächsten Lift emotionsgeladene Diskussionen über Glauben, Religion und Moral folgen. Wir erwischen Mornie und seine Tochter, die uns noch am selben Nachmittag bis südlich von Auckland bringen. Länger als 4 Stunden sitzen wir zusammen im Auto. Aus der seltsam intimen Situation heraus, mit eigentlich fremden Menschen mehrere Stunden auf engem Raum zu verbringen, kann ein Phänomen entstehen, das wir in diesen Wochen noch häufiger erleben: den üblichen Smalltalk abgehakt, entwickeln sich die Unterhaltungen oft von aktuellen politischen Themen über Träume und Einstellungen der Individuen hin zu anderen sehr persönliche Themen. Dabei muss man sich nicht einig sein, schließlich kennt man sich kaum – vielleicht ist genau das ein Punkt, warum wir auf den Fahrten oft überraschend tiefe Gespräche führen. Als wir an diesem Abend an der Autobahn-Tankstelle aussteigen, sind die beiden keine Fremden mehr. Mornie lädt uns noch auf einen Kaffee ein und wir tauschen unsere Telefonnummern aus (eine gute Entscheidung, denn wie wir wenige Minuten nach seiner Weiterfahrt merken, vergaß er seine Kreditkarte auf der Theke).

Von hier nehmen uns 3 junge Kiwis auf dem Rückweg von einem Footballspiel mit bis an die Abzweigung zur Halbinsel Coromandel. Als wir aussteigen, wird es schon dunkel. Weiter kommen wir heute nicht mehr. Bei Nacht wollen wir nicht trampen. Also klettern wir über einen Weidezaun und finden auf dem Gipfel eines Hügels einen idealen Zeltplatz. In dieser Nacht zählen wir Sternschnuppen und schlafen irgendwo im Nirgendwo unter dem funkelnden Sternenhimmel. Früh am nächsten Morgen ziehen wir weiter.

HErr der Ringe trifft auf die Chroniken von Narnia

Eine halbe Stunde Fahrt aufgeteilt auf 2 Mitfahrgelegenheiten später stehen wir in Thames, dem Hauptort der Peninsula. Hier frühstücken wir erstmal ausgiebig, nutzen das öffentliche WLan und informieren uns im Info-Center über verschiedene Wanderungen. Mit 2 weiteren Lifts erreichen wir am frühen Nachmittag den Nationalpark im Kauaeranga Valley, Startpunkt unserer zweiten Wanderung. 2 Tage lang laufen wir auf dem Waiotahi Track über eine dicht bewaldete Bergkette. Die Nacht verbringen wir in einer Wanderhütte des DOC. Ganz für uns allein haben wir die gemütliche Holzhütte mit Kachelofen. Dank diesem wird uns trotz der eiskalten Eimerdusche im Freien auch schnell wieder warm. „Highlights“ dieser Wanderung sind im wahrsten Sinne des Wortes die bis zu 60 Meter hohen Kauri-Bäume, von denen hier im Inneren der Coromandel noch eine Handvoll stehen. Diese Baumriesen gehören zu den höchsten Baumarten der Welt und vor der Besiedlung Neuseelands durch die Europäer waren die Wälder der neuseeländischen Nordinsel dicht mit diesen Giganten bewachsen. Bis zu 500 Jahre zählen die ältesten dieser Bäume – allein der Gedanke daran, was diese hölzernen Greise alles erzählen könnten…! Herr der Ringe lässt grüßen!

Bei unserer Ankunft an der Westküste am nächsten Nachmittag gönnen wir uns erstmal ein großes Eis zur Belohnung für unseren zweitägigen Gewaltmarsch durch viel Matsch, aber leider mit nur wenig Aussicht. Kurz darauf hält schon das erste von 4 Autos an, die uns noch am selben Nachmittag an die Ostküste bringen sollten. Hier schlüpfen wir nach einer weiteren Nacht im Zelt frühmorgens trotz Muskelkater wieder in unsere Wanderschuhe. Wir wollen noch vor den ersten Tagestouristen in der Cathedral Cove sein. Diese fotogene Felsgrotte ist aufgrund ihrer Verwendung als Drehort in diversen Filmen (darunter „Die Chroniken von Narnia“) ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Im Anschluss entspannen wir uns bei einem wohltuenden Bad in den heißen Thermalquellen des nahen Hot Water Strandes – nachdem wir uns den Pool dafür erst selbst ausgebuddelt haben. 😀

Mehrere kurze Mitfahrgelegenheiten später sitzen wir am Spätnachmittag schließlich bei Peter im Auto. Im Laufe der Fahrt unterhalten wir uns so gut, dass er uns einlädt, bei ihm auf seiner Avocado- und Kiwifarm zu übernachten. Da sagen wir natürlich nicht nein 😀 Leider sind beide Obstsorten noch nicht reif – dafür hängen an seinem Pflaumenbaum neben dem Teich die leckersten Zwetschgen, die wir je naschen durften. Am nächsten Morgen bringt uns Peter sogar noch weiter in die nächste Stadt. Hier steigen wir bei Marcus ein, einem sehr sympathischen jungen Life-Coach (=Lebensberater) maorischer Abstammung. Er nimmt uns bis nach Tauranga mit. Von dort geht’s mit Damien im Familien-Bus nach Rotorua. Unsere Erzählung von unseren Wanderungen durch Neuseeland veranlassen Damien dazu, an diesem Nachmittag mit seinen Kindern ebenfalls wandern zu gehen. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei ihm zuhause und im Kindergarten, wo wir seine Töchter abholen, fährt er uns direkt zum Stadtpark. Kaum dort angekommen, steigt uns auch schon das für Rotorua typische G’schmäckle in die Nase: der Gestank nach faulen Eiern. Es stinkt nach Schwefel, im Park blubbern alle paar Meter heiße Quellen und Dampfschwaden steigen aus dem Boden auf.

ROTORUA – DIE CHEMIEKÜCHE NEUSEELANDS

Wir erkunden die kleine Stadt, essen auf dem Nachtmarkt deutsche Currywurst & Thüringer und baden in heißen Thermalpools. Mit Einbruch der Dunkelheit schlagen wir wieder unser Zelt auf…neben einem idyllischen Teich im Park. – Ja, wir haben tatsächlich mitten im Stadtpark von Rotorua gecampt! Denn zwar sind rund um den Park Dutzende „Hunde verboten„-Schilder aufgestellt, aber vom Zelten ist nirgendwo die Rede. Und es hat in der Tat niemanden gestört.

Ach – ihr fragt Euch, warum es in Rotorua nach Schwefel stinkt und kochendes Wasser aus dem Boden sprudelt? Diesem Rätsel sind wir am nächsten Morgen im nur wenige Kilometer entfernten Wai-O-Tapu Thermal Wonderland auf die Spur gegangen. Allerdings brauchen wir für die kurze Strecke dorthin bedeutend länger als gedacht! Zum allerersten Mal stehen wir länger als 1 Stunde an der Straße, bis jemand für uns anhält. Dadurch verpassen wir leider den Ausbruch des Lady Knox Geysirs, der seit fast 100 Jahren jeden Morgen pünktlich um 11 Uhr Wasser speiht.

Aber auch ohne den Geysir-Ausbruch gibt es im Wai-O-Taupo Thermal Wonderland (was auf Maori „heilige Wasser“ bedeutet) jede Menge natürlicher Phänomene zu bestaunen: da gibt es den blubbernden Champagnerpool, neongrüne und beißend gelbe Teiche, ätzende Wasserfälle und die schillernde Malerpalette. Dass all diese natürlichen Besonderheiten gerade hier auftreten, ist kein unerklärlicher Zufall. Neuseeland liegt auf dem sog. „Ring of Fire“, einem Spalt zwischen den tektonischen Kontinentalplatten. Als Resultat entstanden u.a. zahlreiche Vulkane entlang dieses Risses. In der Gegend um Rotorua ist die Geothermie besonders hoch und die Erdkruste besonders dünn. Wer da nicht auf den gekennzeichneten Wegen bleibt, verbrennt sich schnell die Füße! 😉

Der Park ist auch bei Tourgruppen sehr beliebt. Wenn man wie wir die große Runde läuft, hat man die meisten Touristen aber recht bald hinter sich gelassen und kann abseits der beliebten Selfie-Spots die natürlichen Wunder des Parks in aller Ruhe bewundern. Auch bei den sehr interessanten Info-Talks der Parkwächter zu Flora & Fauna herrscht überraschend wenig Andrang.

Artist´s Palette

Im Anschluss an unseren Park-Besuch trampen wir weiter an den See Taupo. Hierhin nimmt uns Ivan mit, der von Südafrika nach Neuseeland ausgewandert ist. Mit ihm verstehen wir uns so gut, dass er uns am Ende der Fahrt die Adresse seines Bruders gibt für eine freie Unterkunft in Südafrika. In Taupo selbst hat es uns viel zu viele andere deutsche Backpacker 😉 Egal, wo wir uns hinsetzen, überall hören wir deutsche Stimmen um uns herum. Andere Deutsche zu treffen kann nett – manchmal auch richtig toll sein – aber in zu großer Dosis am anderen Ende der Welt kann es auch nerven. So wie an diesem Nachmittag. Daher beschließen wir, direkt noch etwas weiter zu ziehen. Schließlich haben wir alles dabei, was wir brauchen.

Wir warten zum zweiten Mal an diesem Tag sehr lange… Heute ist der Wurm drin! Schließlich nimmt uns der Spanier Oscar in seinem Wohnmobil mit. …und warum das ein richtiger Glücksgriff ist, erzählen wir Euch im nächsten Bericht!

Das Wai-O-Taupo Thermal Wonderland durften wir auf Einladung von Wai-O-Taupo Thermal Wonderland besuchen. Unsere Meinung dazu entspricht unabhängig davon unserer persönlichen Erfahrung.