Tibet

Die vergessene tibetische Provinz Kham

Die vergessene tibetische Provinz Kham

In der Autonomen Region Tibet (TAR), wie das ehemals unabhängige Land auf dem Dach der Welt heute offiziell benannt ist, dürfen sich ausländische Touristen nicht frei bewegen. Mit Ausnahme des Stadtgebiets Lhasas ist eine Erkundung der Region nur in ständiger Begleitung eines Guides möglich. Hinzu kommt, dass je nach Reiseablauf auch für die gesamte Dauer der Reise ein Fahrer samt Fahrzeug angemietet werden muss, da ein öffentliches Nahverkehrssystem für Touristen in dieser Form nicht existiert. Diese Rahmenbedingungen machen Tibet leider zu einer für Asien ziemlich teuren Destination. Für eine Woche Reisen in Tibet muss schnell so viel Geld eingeplant werden wie für 3-4 Wochen individuelles Reisen auf anderem chinesischem Staatsboden. Sicherlich ein politisch nicht ganz ungewolltes Instrument, um den Fluss an ausländischen Touristen in dieser Region zu regulieren.

BESCHÜTZE REGION? BESETZTES LAND?

Hinzu kommt die politische Situation, die uns beschäftigt:
Wollen wir den Status Quo unterstützen? 2009, ein Jahr nach den blutigen Unruhen in Lhasa, war die Polizeipräsenz dort enorm. An jeder Straßenecke standen bewaffnete SWAT-Einsatzkräfte, auf den typisch tibetischen Flachdächern im alten Stadtkern standen pro Dach 4 Soldaten mit Gewehren im Anschlag und die Einschränkungen für die tibetischen Bewohner waren hoch (abendliche Sperrstunden, Registrierungen bei Übertritt in andere Stadtviertel und regelmäßige Personenkontrollen) Wie Liz, die Mitte Juni diesen Jahres ebenfalls in Lhasa war, berichtete, hat sich an der hohen Polizeipräsenz bis heute nichts geändert. Freies Tibet?

Nachdem wir einige Angebote von tibetischen Reiseveranstaltern eingeholt hatten und eine Weiterreise vom Mount Everest nach Nepal aufgrund der Regenzeit ausschlossen, begannen wir nach Alternativen zu suchen. Wir wollten Tibet nicht einfach von unserer Route streichen (dafür hatte diese einmalig reizvolle Region Biene auf ihrem 1. Besuch zu sehr fasziniert), auf der anderen Seite schreckten uns die hohen Kosten und die eingeschränkte und diktierte Art zu reisen ab.

DIE TIBETISCHE PROVINZ KHAM

Was wir fanden, war Kham – ein Gebiet in den Ausläufern des Himmalayas ganz im westlichen Zipfel Sichuans. Bis zur Einnahme Tibets durch China war diese Gegend am Fuße des Himmalaya tibetisches Gebiet. Heute gehört die Region zur Provinz Sichuan. Sie besteht aus mehreren, tibetisch autonom verwalteten Bezirken und auch heute leben hier noch hauptsächlich Menschen tibetischer Abstammung. Die Einschränkungen für die ethnischen Tibeter sind hier geringer als im Gebiet des tibetischen Hochplateaus. Viele tibetische Traditionen und religiöse Rituale (wie z.B. das Himmelsbegräbnis), die in Lhasa nur eingeschränkt erlaubt sind, dürfen hier mittlerweile wieder gelebt werden. Die Polizeipräsenz ist ebenfalls moderater.

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Die Abgeschnittenheit und hohe Autonomie der Bezirke erlaubt uns wie all den wenigen Besuchern, die die mühsame Anreise hierher auf sich nehmen, ein Stück ursprüngliches Tibet zu erleben – ohne die negativen Begleitumstände eines Besuchs in der TAR.

KANGDING – AM FUßE DES HIMMALAYA

Im Stadtzentrum von Kangding treffen die Kulturen aufeinander: Neben alten tibetischen Flachdachhäusern stehen mehrstöckige chinesische Bauten. Der (subventionierte) Zuzug von immer mehr Han-Chinesen drückt dem Gebiet städtebaulich wie kulturell fortschreitend seinen Stempel auf. In dieser alten Handelsstadt finden wir mit dem Zhilam Hostel ein tolles Hostel  oberhalb der Stadt, mit schöner Aussicht auf Stadt und Umgebung (und auf die Blitze, die bei den allabendlichen Gewittern mit Regengüssen erscheinen). Das Hostel, das ganz im tibetischen Stil gebaut ist und ausschließlich Tibeter beschäftigt, wird von einem amerikanischen Paar geführt, das sich vor einigen Jahren auf einer Reise in Tibet kennen lernte, sich in die Gegend verliebte, tibetisch studierte und hier blieb.

Trotz der moderaten Temperaturen tagsüber ist es zum ersten Mal seit längerem nachts wieder kühl. Dass das noch kein Vergleich zu den Temperaturen im Winter ist, lassen die Heizdecken vermuten, mit denen jedes Bett standardmäßig ausgestattet ist. Wir sind auf einer Höhe von 2.616 Metern ü.M., da sind die Winter lang und kalt.

Nach der neunstündigen Busfahrt hierher verspüren wir beide Bewegungsdrang. Darum unternehmen wir tags darauf eine halbtägige Wanderung auf und um den Berg hinter unserem Hostel herum. Für den schweißtreibenden Aufstieg werden wir mit einer herrlichen Aussicht belohnt, als sich gerade, als wir oben aus dem Wald treten ,die Wolkendecke verzieht und den Blick hinunter ins Tal und auf die umliegenden Berggipfel bis zum Gongga Shan mit seinen 7.556 Metern freigibt.

Auf dem Rückweg besichtigen wir noch eines der 3 Klöster der Stadt und erhalten einen Vorgeschmack auf das beeindruckende buddhistische Kloster, das uns in Litang erwartet. Dorthin brechen wir am nächsten Tag auf, um nach 9 abenteuerlichen Stunden Busfahrt mit herrlicher Landschaft nachmittags dort anzukommen.

LITANG – DEM HIMMEL SO NAH

In Litang atmen wir das erste Mal pure tibetische Luft. In dieser liegt der schwere, süßliche Duft von Räucherstäbchen, der in kleinen Rauchfahnen überall empor steigt. Mit den aufsteigenden Rauchkringeln sollen die Gebete der Buddhisten in den Himmel getragen werden. Glücklicherweise können wir ganz gut atmen, die Höhe macht uns keine Probleme. Nur beim Aufstieg auf den heiligen Berg, den wir tags darauf besteigen, sind wir etwas kurzatmiger als sonst.

Litang liegt auf einer Höhe von 4.014 Metern. Wir lesen, dass es die zweithöchstgelegene Stadt der Welt ist. Selbst Lhasa liegt 400 Meter tiefer. Hier oben ist die Luft dünn und klar. Der Himmel ist blau. Und so nah, dass wir das Gefühl haben, wir können ihn mit unseren Fingerspitzen berühren, wenn wir uns auf die Zehenspitzen stellen und uns gen Himmel strecken. Trotz der umliegenden Berge des Himalaya scheint der Horizont endlos, die Sicht ist so gut, dass wir unserem Gefühl nach kilometerweit sehen können. Auf den weiten Wiesen vor der Stadt grasen große Herden Yaks. Aus der Ferne sehen sie aus wie schwarze Punkte auf dem endlos grünem Grasland.

Alles wirkt viel klarer, die Farben intensiver und die Luft purer. Es ist wie in der Persil-Werbung: Ein T-Shirt mit herkömmlichem Waschmittel scheint bunt mit kräftigen Farben – bis das tiefenrein gewaschene daneben gehalten wird und man erkennt, dass die Farben hier unvergleichlich kräftiger sind und über dem anderen wie ein trüber Schleier liegt. So wirkt alles hier. Intensiv. Schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, ist der Schatten auf der Erde genau zu sehen.

Auf unserem ersten Erkundungsspaziergang durch die staubigen Straßen der Kleinstadt kommt uns das Tibet quasi entgegen, das wir suchten: Ältere Frauen, in traditionelle Gewänder gekleidet, lassen leise murmelnd ihre Gebetsketten durch die Finger gleiten, junge Burschen heizen auf ihren Motorrädern durch die Straßen, in rasendem Tempo den vielen Straßenhunden und Fußgängern ausweichend und ihr langes schwarzes Haar unter den Cowboyhüten flatternd im Wind. Am Straßenrand bildet sich ein Marktplatz. Um diese Jahreszeit „ernten“ die Tibeter bestimmte Schmetterlingsraupen aus der Erde, die sie an die Chinesen verkaufen. Diese verwenden sie für die traditionelle chinesische Medizin. Weiss getünchte Stupas thronen in der Form von überdimensionalen Glockenschellen majestätisch neben sich langsam drehenden Gebetsmühlen.
In den Läden der Stadt werden Yakfelle feilgeboten, daneben gibt es Kupfer- und Silberschmiede und Nähereien mit tibetischer Seide und farbenfrohen Stoffen, in denen Mönche sich neue Gewänder schneidern lassen.

Gleich am ersten Abend erleben wir die Ursprünglichkeit dieser Stadt noch in einer anderen Dimension. Als wir nach dem Abendessen in einem tibetischen Restaurant (mit Yakdumplings und süßem Milchtee) durch die einbrechende Dunkelheit zu unserem Hostel laufen, ist es in der ganzen Straße stockdunkel. Stromausfall. Hier nichts Besonderes, das kommt öfters vor. Wie auch der fehlende Wasserdruck in der Dusche, mit der wir uns den Staub des Tages abwaschen wollen. Um 22 Uhr ist der Strom wieder da. Auch das Wasser fließt wieder.

ENTLANG DER HISTORISCHEN TEESTRAßE

Wir leihen uns ein Motorrad für 2 Tage und erkunden die Gegend. Unser erster Halt führt uns zum Kloster Chamchen  Choekhorling am Fuß des Berges am Stadtrand. Von hier haben wir eine tolle Aussicht über die Dächer und die Bergkette auf der anderen Seite der Stadt. Uns kommen viele Mönche in ihren gelb-orangenen Gewändern entgegen und laden uns ein, die Tempelhallen zu besichtigen. Das lamaistische Kloster wird von Gelupgamönchen geführt, das ist die Gelbmützensekte, der auch der Dalai Lama angehört. Litang gilt als Geburtsstadt des 7. und des 10. Dalai Lamas. Als wir hinter der Gebetshalle den ersten der 3 Tempel betreten, sind wir sprachlos: Der ganze Raum wird von einem 16 Meter hohen, goldenen Buddha eingenommen. Der Anblick ist beeindruckend.
Auch im 2 Tempel bleibt uns der Mund vor Staunen offen stehen: ein noch höherer, ebenfalls goldener Buddha erwartet uns in der Raummitte, kunstvoll verziert und an den Wänden flankiert von tausenden kleinen goldenen Buddhas. Ein erhabener Anblick.

Den Rest des Tages erkunden wir die Gegend um die Stadt, genießen das Gefühl der Weite und dass wir unseren fahrenden Untersatz zur Abwechslung selbst lenken können.

Am nächsten Morgen machten wir uns früh um 7 auf, um zusammen mit unserem Hostelbesitzer einem tibetischen Himmelsbegräbnis beizuwohnen. Bei dieser tibetischen Bestattungszeremonie werden die Leichname der Toten mit Beilen zerkleinert und im wahrsten Sinne des Wortes den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Was sich für uns anhören mag wie eine schrecklich makabre Praxis, ist hier ein letzter Akt der Großzügigkeit des Toten. Geier werden von den Tibetern als Gottwesen verehrt – indem sie ihre Körper diesen Tieren zur Nahrung geben, reihen sie sich in den Kreislauf des Lebens ein. Gleichzeitig sollen die Vögel die Seele des Toten in den Himmel tragen. Außerdem ist mit einer Religion, in der die Erde heilig ist und in einer Region, in der der Boden die meiste Zeit des Jahres gefroren ist, die bei uns praktizierte Erdbestattung keine Alternative. Allerdings fand an diesem Tag keine Bestattung statt und wir wissen selbst nicht recht, ob wir nun froh oder traurig darüber sind.

Wir besuchen stattdessen nochmals das Kloster und haben hier Glück: Wir kommen genau zur Morgenmeditation/-gebet der Mönche. Wir dürfen mit ihnen in die Gebetshalle und ihnen beim chanten zuschauen. Dabei sitzen die Mönche im Schneidersitz auf dem Boden und die höhergestellten Lamas je nach Rang und Bedeutung erhöht auf Podesten. Es ist ein besonderes Gefühl, hier beiwohnen zu dürfen.

Im Anschluss an den Besuch im Kloster machen wir uns auf zu einem heiligen Berg etwas außerhalb der Stadt. Auf dem Weg dorthin müssen wir aufgrund einer Straßensperrung einen Umweg durch das Grasland fahren. Hier kommen wir vorbei an grasenden Yakherden, sehen Erdmännchen neugierig aus ihren Löchern lugen und dürfen nochmal eine ganz besondere Erfahrung machen: Als wir in der Nähe von Nomadenzelten einen kurzen Foto-Stopp einlegen, werden wir von den Nomaden in ihr Zelt eingeladen. Wir betreten das kleine, viereckige Zelt, das große Ähnlichkeit hat mit den weissen Pavillons, die wir von Gartenfesten in Deutschland kennen. Auch die Dimensionen stimmen überein. Das Zelt ist sehr schlicht eingerichtet: In der Mitte ein Herdofen, an einer Seite steht ein einfaches Holzregal und auf dem Boden liegen Teppiche aus. In einer Ecke türmt sich ein großer Berg gepresstes Brennmaterial: Yakdung. Betten sehen wir keine. Diese Menschen leben in einfachsten Verhältnissen. Mit Händen und Füßen klappt die Verständigung auch ohne Worte. Wir werden zum Mittagessen eingeladen. Es gibt tibetisches Brot und Instantnudelsuppe.

Nach einiger Zeit setzen wir unseren Weg zum heiligen Berg fort. Wir sehen ihn schon von weitem. Die unzähligen tibetischen Gebetsflaggen wehen rauschend im Wind und geben dem Berg einen farbenfrohen Anstrich. Der Ort mit dem kleinen Kloster wirkt bunt und fröhlich.
Wir machen uns auf den Weg nach oben und umrunden ihn entgegen der buddhistischen Praxis gegen den Uhrzeigersinn, was uns leider zu spät auffällt. Gut, dass außer uns niemand da ist, den es stört. Auf dem Gipfel angekommen, tauchen wir ein in das Meer aus Gebetsflaggen, die den gesamten Berg umspannen. Obwohl der Berg nicht allzu hoch ist, geraten wir in der dünnen Luft außer Puste. Wir schwingen uns wieder auf unser Motorrad, fahren auf den Berg gegenüber und genießen die großartige Aussicht über das Tal.

Abends ziehen wir in ein anderes Hostel um, da in unserem trotz absoluter Versicherung leider doch kein Empfang des Kanals möglich ist, in dem die Spiele der Fussball-WM übertragen werden. In dieser Nacht spielt Deutschland gegen Algerien.

Am kommenden Morgen unternehmen wir nochmal einen längeren Spaziergang durch die erwachende Stadt, bevor wir uns zum Busbahnhof aufmachen, um die weitere Strecke Richtung Shangri-La zurückzulegen. Wir haben Glück und treffen zwei junge tibetische Männer, die uns für denselben Preis 2 Stunden früher in ihrem Geländewagen mitnehmen.

Damit kehren wir Tibet bereits wieder den Rücken. Es waren intensive und unvergessliche Tage.

Erlebt selbst die besondere Atmosphäre in den Klöstern:

Der wilde Westen Chinas – unterwegs auf dem Yunnan-Sichuan-Tibet-Highway

Der wilde Westen Chinas – unterwegs auf dem Yunnan-Sichuan-Tibet-Highway

Der Yunnan-Sichuan-Tibet-Highway ist einer der legendäreren Highways Chinas. Ihn zu erwähnen sorgt für große Augen. Bei denen, die noch nie dort waren gleichermaßen wie bei denen, die ihn schon befahren haben. Bei Ersteren vor Abenteuerlust und Hinwollen, bei der 2. Gruppe vor lebhafter Erinnerung an diese Straße mit der unspektakulären Nummer G312.

Warum?

Wie es der Name vermuten lässt, verläuft der Yunnan-Sichuan-Tibet-Highway von der südlichen Provinz Yunnan über den dünn besiedelten Westen Sichuans bis hinauf nach Tibet, wo man nach mehr als 2.000 Kilometern die Hauptstadt Lhasa erreicht. Die Strecke führt entlang der Ausläufer des Himmalaya-Hochgebirges und verläuft den größten Teil auf Höhen ab 3.000 Metern ü.M. Die zu überquerenden Bergpässe steigen in aufeinanderfolgenden Haarnadelkurven auf bis zu 5.000 Meter an. Die Aussichten sind beeindruckend und die Landschaft verändert sich quasi mit jedem Kilometer. Im Winter sind die Straßen oft tagelang unpassierbar und auch bei starkem Regen kann es gut sein, dass man mehrere Stunden feststeckt.
Wem das noch nicht spektakulär genug ist: abschnittsweise sind die Straßen nur Schotter- oder Lehmpisten, Fahrbahnmarkierungen gibt es nicht und neben der Fahrbahn geht es meist begrenzungslos mehrere hundert Meter steil abwärts. Der chinesische Fahrstil trägt vielleicht auch seinen Teil zum führenden Rang in den Unfallstatistiken bei…

All diese Eigenschaften zusammen machen die Straße laut Reiseliteratur zu einer der schönsten, höchsten, spektakulärsten wie auch zu einer der aufregendsten und gefährlichsten Straßen der Welt. Wir haben sie abschnittsweise befahren und glauben beides auf’s Wort.

IM BUS MIT JACKIE CHAN

Insgesamt waren wir 11 Tage in 5 Etappen unterwegs. Von Leshan aus führt uns unser Weg zunächst in 2 Bustagen à jeweils 9 Stunden nach Westen. Unser erster Bus ist vollklimatisiert und komfortabel. Er ist sogar mit einem TV ausgestattet. In diesem laufen die komplette Fahrt über chinesische Kongfu-Filme. Jackie Chan sitzt quasi zwischen uns, da wir direkt unter einem der Lautsprecher sitzen… Biene ist trotzdem froh, dass keine Karaoke läuft, das hatte sie nämlich schon auf einer anderen Fahrt in 2009 und gegen lauthals singende Chinesen kommen auch nicht Jackie Chan´s Kampfstöhner an 😀 Auch am zweiten Tag erwischen wir einen recht komfortablen Bus, was wir durchaus zu schätzen wissen, da die Stoßdämpfer nun schon mehr gefordert werden.

WE GO WEST

Die Landschaft auf diesem zweiten Abschnitt verwandelt sich von ineinander übergehenden Städten über tiefe Schluchten in weites Grasland. Auf steilen Bergkämmen geht es hinauf auf 4.000 Meter und mit jedem Höhenmeter kam uns der Himmel bildlich ein Stückchen näher vor und die Luft wurde dünner, klarer und reiner. Zunehmend grasen Yakherden neben der Straße und die Siedlungen sind schon von weitem zu sehen mit ihren weissen Blockhäusern und schwarzen Dächern. In dieser Gegend wird Grüntee zu Buttertee, ni hao zu tashi delegh und der in China weit verbreitete Konfuzinismus geht in Buddhismus über. Für Tibeter ist diese Region die tibetische Provinz Kham, die das östliche Drittel des tibetischen Hochplateaus einnimmt. Für uns als Reisende ist diese Region – ohne politische Wertung, sondern subjektiv aufgrund unserer Eindrücke – ebenfalls zu Tibet gehörig.

Deshalb haben wir unsere Erlebnisse auf unserem mehrtägigen Zwischenstopp in Kangding und in dem Städtchen Litang in einem Extra-Bericht festgehalten: Die vergessene tibetische Provinz Kham

Bei Litang teilt sich der Highway in den nördlichen und den südlichen Highway. Für Ausländer (auf chinesischen Schildern auch oft taktvoll als „Aliens“ betitelt) ist der Highway nur streckenweise geöffnet. Richtung Norden endet die Reise 38 km weiter am Grenzübergang in die autonome Region Tibet (TAR). Als nicht-chinesischer Staatsbürger bekommt man für die weitere Strecke keine Bustickets und auch die hier zahlreich stationierten Polizisten machen nicht den Eindruck, als würden sie ab und an ein Auge zudrücken. Die Einreise in die TAR ist streng reglementiert und für Ausländer nur per Flugzeug oder mit dem Zug vom Qinghai-Hochplateau her erlaubt, nicht aber überland von Sichuan aus.

DURCH DIE HINTERTÜR NACH YUNNAN

Daher biegen wir hier auf den Highway nach Süden ab, um weiter in die Provinz Yunnan zu reisen. Unser nächstes Ziel heißt Shangri-La …ohne „Hotel“ hinten dran 🙂
Für die 400 km dorthin benötigen wir 2 weitere Tage. Zunächst geht es in 8 Stunden knapp 250 km weit. Von 4.000 Höhenmeter geht es hinab auf 3.300 Meter. Langsam verändert sich die Landschaft wieder – aus der hochalpinen Geröll- und Felsenhängen mit tiefen Schluchten werden mehr und mehr Nadelwälder, vereinzelt durchzogen von Flüssen und grünen Wiesen. Die weite, für chinesische Verhältnisse noch sehr ursprüngliche Berggegend hier ist bis heute wenig entwickelt und wir sehen beim Blick aus dem auf und ab hüpfenden Busfenster nur vereinzelt kleinere Hütten.

Nach einer Übernachtung auf halber Strecke in Xiangcheng sind es nochmals 9 Stunden über Stock und Stein hinunter nach Shangri-La. Und unserem Gefühl nach fühlen wir jeden einzelnen dieser Steine. Die Straßen sind schon lange nicht mehr eben oder geteert, sondern wilde Schotterpisten und auch der Standard der Busse ist nicht mit den ersten beiden zu vergleichen. Die 9-stündige Rüttelmassage ist sozusagen im Fahrtpreis inklusive. Dafür gibt es aber auch keine Kongfu-Filme. 😀

DER SEHNSUCHTSORT SHANGRI-LA

Diesen sagenumwobenen Ort gibt es tatsächlich. Zumindest, wenn es nach den chinesischen Tourismusbehörden der Provinz Yunnan geht 😀 Diese erklärten Anfang der 90er-Jahre den ursprünglich Zhongdian benannten Ort zu dem Ort, an dem der später verfilmte Roman „Lost Horizon“ von James Hilton spielt.

Dass die fiktive Handlung an einem fiktiven Ort statt findet, tat dem daraus resultierenden Hype um diesen Ort keinen Abbruch. Nach den beiden Orten Dali und Lijiang entwickelte sich so auch Shangri-La Anfang der 90er Jahre zu einem Mekka für individuell reisende Touristen. In den letzten Jahren entdeckten chinesische Touristengruppen das ehemals kleine Dörflein für sich, gleichzeitig flachten die Ströme internationaler Besucher etwas ab. Zurück geblieben sind eine schöne Altstadt mit rund 300 Jahre alten Holzhäusern; viele Cafés, in denen sich neben grünem Tee auch Latte Macchiato auf den Menüs findet und eines der bedeutendsten buddhistischen Klöster Westchinas. Tragischerweise wurden ca. drei Viertel der Altstadt bei einem verheerenden Großbrand im Januar 2014 zerstört.
Als wir hier ankommen, machen wir uns wie meist an einem neuen Ort zuerst auf eine Erkundungstour zu Fuß. Auf unserem Weg Richtung Altstadt sind die Auswirkungen des Feuers nicht zu übersehen: ganze Straßenzüge sind nur noch Schutt und Asche. Die Wiederaufbauarbeiten sind in vollem Gange. Wir schlendern durch die Gassen der noch verbliebenen Altstadt und finden abseits der touristisch aufbereiteten Sehenswürdigkeit eine sympathische, entspannte Kleinstadtatmosphäre.
Obwohl die Stadt quasi über Nacht zu einer Touristendestination katapultiert wurde, konnte sie sich den Flair eines relativ unbelangten Bergdorfes in Teilen erhalten. Wir lassen uns davon anstecken und als es am nächsten Tag in Strömen regnet und wir eigentlich eine Radtour in die umliegenden Wälder unternehmen wollen, ärgern wir uns nicht lange, sondern lehnen uns zurück und verbringen den Tag gemütlich auf dem überdachten Balkon unseres Hostels. It´s Shangri-La Time 🙂

LOST IN IJIANG

Für den letzten Streckenabschnitt nehmen wir noch einmal den Bus. Eine andere Möglichkeit hätten wir auch gar nicht. Zugverbindungen gibt es hier oben (noch) nicht. Auf eine abermals holprige Fahrt gefasst, werden wir positiv überrascht: In diese Richtung sind die Straßen bereits wieder top ausgebaut. Von den Schotterpisten der vergangenen Tage zurück auf sechsspurige Highways. Die chinesische Zivilisation hat uns wieder. Zum ersten Mal schlafen wir im Bus ein – die Fahrt war einfach so geschmeidig. Nach 4 Stunden erreichen wir Lijiang.

Auch hier finden wir eine architektonisch herrliche Altstadt mit schönen dunklen Holzhäusern. Lijiang war lange Zeit die Hauptstadt der ethnischen chinesischen Minderheit Naxi. Als im Jahr 1996 ein schweres Erdbeben große Teile der Region dem Erdboden gleichmachte, wurde Lijiang im Stil der alten Naxi-Bauten wieder aufgebaut. Der Stadtkern gehört seitdem zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Altstadt ist komplett autofrei und durch die engen, kopfsteingepflasterten Gassen ziehen sich unzählige kleine Bäche, die mit zunehmender touristischer Entwicklung aber leider nicht mehr wie ursprünglich zum waschen sowie als Trinkwasser oder zum Gemüse putzen dienen.
Aus den schönen, dunklen und meist zweistöckigen Holzhäusern der Altstadt sind die ursprünglichen Bewohner aufgrund gestiegener Preise längst ausgezogen. Dafür sind Souvenirshops, Kunstgallerien, Restaurants, Teehäuser und kleine Hotels eingezogen.
Lijiang ist sehr touristisch. Keine Frage. Als wir ankommen, kommen wir mit unseren Rucksäcken kaum durch die Gassen hindurch, so voller chinesischer Touristen sind die kleinen Sträßlein. Auf der Suche nach einem Hostel verirren wir uns in dem Labyrinth aus engen Gassen, Windungen und Häuserecken. Dadurch landen wir in Gassen, die etwas abseits liegen und nicht so überlaufen sind. Wir genießen die kurzen Momente der Ruhe, bevor wir um die nächste Ecke biegen und uns wieder mittendrin im Getümmel befinden.

Abends sind die Straßen der Altstadt schön beleuchtet. Die vielen Tagestouristen sind in ihren Bussen abgefahren und wir hören das Wasser in den Bächen plätschern, als wir durch die leeren Gassen schlendern. Aus den Bars hören wir Gitarren-Livemusik und genießen die friedvolle Atmosphäre, die mit Eintritt der Dunkelheit Einzug gehalten hat.

Am nächsten Morgen unternehmen wir einem Spaziergang in den 7-Dragons-Pool-Park. Hier scheuen wir abermals den hohen Eintritt für ein Stück Natur und suchen uns unseren Weg balancierend über den Fluss daneben. Wie wir kurz darauf sehen, ist das sogar der „offizielle“ Eingang für die Touristenschmuggler 😀 Nachdem wir im Anschluss noch den Elephant Hill besteigen (was bei 30 Grad und 80 % Luftfeuchtigkeit eine sehr schweißtreibende Angelegenheit ist) und eine tolle Aussicht auf die Stadt und die umliegenden Berge erreichen, steigen wir in den Zug, der uns über Nacht nach Kunming bringt, die Haupstadt Yunnans.

UNSER FAZIT:
Die Reise auf dem Yunnan-Sichuan-Tibet-Highway ist so abenteuerlich, wie sie beschrieben wird. Die Landschaft ist spektakulär und wir konnten nochmal einen Blick auf das alte, ursprüngliche China mit seinen abgeschnittenen Bergdörfern, Eselkarren und vielfältigen ethnischen Minderheiten erhaschen. Wer es im Bus gerne bequem hat oder leicht reisekrank wird, sollte sich allerdings gut überlegen, ob er die taffen 5-6 Reisetage erleben möchte. Auch wer eine schwache Blase hat, sollte sich darauf einstellen, dass die 2. Hälfte der neunstündigen Busfahrten einem sehr lange vorkommen können und man die Landschaft vielleicht nur mit einem durch die Zähne gepressten Lächeln genießen kann.
Uns hat es sehr gut gefallen!

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