China – ein Wiedersehen mit dem Land des roten Drachens

Wieder in China. Beijing. Herrlich! Vieles hat sich verändert. Vieles nicht. Wir waren im Januar vor 4 Jahren zum letzten Mal hier. Gemessen am schnelllebigen Takt einer Weltstadt eine lange Zeit. Da tut sich vieles: Das Hostel im Stadtzentrum, in dem Biene letztes Mal noch gewohnt hat – der Restaurierung der Hutongs zum Opfer gefallen. Die alten Public Toilets, auf denen man sich regelmäßig die Nase zuhalten musste – Vergangenheit (nicht schlimm 😉 ). Die neuen PT sind zwar immer noch sehr chinesisch (d.h. ohne Kabinen oder Türen, sondern nur mit halb-hohen Trennwänden zwischen den Lochklos – dafür aber sauber, geruchlos und mit Waschbecken ausgestattet (keine Selbstverständlichkeit). An positiven Veränderungen sticht auch heraus, dass zwischenzeitlich fast durchgehend alles in Englisch ausgeschildert ist (noch 4 Monate vor den Olympischen Spielen 2008 sahen wir kein einziges englisches Schild), die Ansagen in Bussen und in der Metro auch in Englisch kommen und selbst Straßenschilder auf Englisch übersetzt sind (obwohl Ausländer nicht selbst fahren dürfen…) Und trotzdem, das Gefühl bleibt: Beijing, wir kennen uns – es ist schön, Dich wieder zu sehen!

Schon als wir die Grenze zu China überqueren, haben wir das Gefühl, uns wieder etwas auszukennen. Obwohl wir noch nie in Erlian, der Grenzstadt in der wir mit dem Bus ankommen, waren, erinnert uns vieles an das China, das wir kennen: der ganz eigene Geruch nach gegartem Tofu; die zahlreichen Elektroroller auf den Straßen; die Menschen, die uns auf der Straße interessiert und ohne Scheu nachschauen. Und wir können uns mit Biene´s Mandarinkenntnissen zumindest ein bisschen in der Landessprache verständigen.

Unsere erste Station führt uns nach Datong in der Provinz Shanxi, ca. 5 Stunden nördlich von Beijing. Schon auf der Busfahrt (um die Strecke Erlian-Datong mit der Transib zu fahren, hätten wir in Erlian übernachten müssen, was wir nicht wollten) hierher wird deutlich, in welchem Ausmaß die chinesische Regierung in die Zukunft des Landes investiert: die kaum befahrenen Schnellstraßen sind neu und sechsspurig ausgebaut, die Landschaft ist von Windparks geprägt und die Straßen von frisch gepflanzten Bäumen gesäumt. In Datong selbst wird gerade der Stadtkern „rehistorisiert“ – eine ca. 6 Meter hohe, der historischen Stadtmauer nachempfundene Steinmauer wird um die Altstadt hochgezogen und die Hutongs darin restauriert. Die Stadt selbst klingt im Reiseführer nicht sehr verheißungsvoll, ist aber schöner als erwartet: Die Straßen der Altstadt sind voll von kleinen Garküchen, in denen für wenig Geld authentisches, schmackhaftes Essen zubereitet wird, die Menschen sympathisch und die Luft klar.

Uns ziehen 2 Ziele in der näheren Umgebung nach Datong: die Yungang Höhlen und die hängenden Klöster Xuankong´si. Die Yungang Höhlen besichtigen wir als Erstes. Diese Ansammlung von 252 Höhlen wurde im Auftrag verschiedener Kaiser zwischen 400 und 600 n.C. von buddhistischen Mönchen in den Sandstein gehauen. Darin befinden sich insgesamt über 51.000 kunstvoll gemeißelte Buddhastatuen – die kleinsten nur wenige Zentimeter klein, die größte 17 Meter hoch. Es sind die ältesten buddhistischen Bauwerke Chinas und sie enthalten einige der wertvollsten und elegantesten Kunstwerke der Ming- und Qing-Dynastien. 45 von den Höhlen kann man heute besichtigen, dazu einige Pagoden, Tempel und die kaiserliche Gartenanlage. Die Kunstfertigkeit, mit denen die Statuen in den Stein gemeißelt wurden, ist beeindruckend. Jede Statue besitzt detaillierte Gesichtszüge und ist (wahrscheinlich mehr oder weniger historisch – wir sind ja immer noch in China 😉 ) bunt bemalt. Abends snacken wir uns durch die Garküchen der Altstadt Datongs und bleiben schließlich in einer Chuanr Bar hängen. Eine Chuanr Bar muss man sich so vorstellen: Es gibt eine große Auswahl an auf Schaschlickspießen aufgespießte Fleischsorten. Die bestellte Anzahl an Spießen wird dann auf einen mit Kohle geheiztem, länglichen Grill gelegt und gewürzt. Gegessen wird auf kleinen Plastikhockern (bei uns bekannt aus dem Kindergarten), auf denen man um einen niedrigen Tisch herum auf dem Gehweg sitzt. Sehr anders, sehr günstig, sehr lecker! Eigentlich wollten wir hier nur eine Kleinigkeit essen…dann trafen wir auf 4 junge Chinesen am Nachbartisch, die uns unbedingt zu sich an den Tisch einladen wollten und es wurde – trotz eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit – ein langer, lustiger Abend mit viiieeel Essen (für beide von uns) und viel Baijiu (= chinesischer Reisschnaps – für Uli), da uns die Mannen nicht mehr gehen lassen wollten, bis wir alle 6 mehr als pappsatt und die 4 Chinesen recht betrunken waren. 😀

Am nächsten Tag fahren wir zu den hängenden Klöstern. Wie der Name vermuten lässt, wurde diese Klosteranlage nicht auf dem Boden gebaut, sondern „hängt“ in einer Schlucht an einer felsigen Bergwand. Die durch Balkone und enge Gänge miteinander verbundenen dreistöckigen Räume wurden im 4 Jahrhundert n. Ch. entlang der Felskonturen an den Berg „gehängt“, da das Flusstal oft überflutet wurde. Es ist das einzige Kloster in China, das Elemente aus dem Buddhismus, dem Taoismus und den Lehren des Konfuzius vereint. Diese religiöse Vielfalt rührt daher, dass das Kloster an einem Knotenpunkt der Seidenstraße lag und Kaufmänner aus den verschiedensten Teilen Chinas hier nochmal um Schutz beteten, bevor sie auf ihre langen Reisen ins ferne Europa aufbrachen. Die Klosteranlage ist imposant zu besichtigen, allerdings sind die knapp 15 € Eintritt pro Person auch ganz schön happig…

Nach 3 Tagen in Datong brechen wir zu unserer letzten Transsib-Etappe auf. Nach 5 Stunden Zugfahrt durch tolle Landschaften und mit Blick auf die große Mauer erreichen wir nach 7.865 km durch 3 Länder unser Ziel: Beijing. Here we are again! 🙂

Damit haben wir unser erstes Abenteuer, die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn auf der transmongolischen Route von Moskau bis Peking, nach knapp 5 Wochen und in 6 Etappen geschafft. Es war eine tolle Fahrt! Eine individuelle Reise mit der Transsib ist auch im 21. Jahrhundert noch ein Abenteuer und die wechselnden Landschaften, die Atmosphäre in den Zügen, das auf den Zwischenstopps Erlebte und die Menschen, die wir trafen, werden uns lebendig in Erinnerung bleiben. Landschaftsmäßig sind wir uns einig, dass uns die Etappen Baikalsee – Ulaan Ude – Ulaan Bataar – Peking am besten gefallen haben.

In Beijing bleiben wir eine Woche, um unsere weitere Route durch China zu planen. Unsere Reiseführer -per Post vorausgeschickt- erwarten uns schon und wir können es kaum erwarten, darin zu schmökern. Und noch ein freudiges Wiedersehen steht an: Wir treffen unsere Freundin Liz, die wir sonst nur einmal im Jahr zu Weihnachten in Deutschland sehen, da sie sich bei ihrem ursprünglich dreimonatigen geplanten Sprachkursaufenthalt in Beijing verliebte und die Stadt nie wieder verließ. Die Freude ist groß!

Wir verbringen viel Zeit mit Liz und auf den Dachterrassen unserer Hostels (nach den ersten 3 Nächten wechseln wir das Hostel, um noch einen anderen Teil der Stadt zu sehen), planen unsere nächsten Ziele und genießen die endlich sommerlichen Temperaturen – nach dem sibirischen und mongolischen Winter lassen wir den Frühling gerne aus und genießen den chinesischen Sommer bei knapp 40 Grad Celsius 😀 Sightseeing machen wir nur wenig, denn – so arrogant sich das an dieser Dtelle vielleicht auch anhören mag 😉 – wir haben vieles hier schon gesehen: die große Mauer, die Verbotene Stadt, den Sommerpalast, den Himmelstempel, den Jingshan Park… Kurz haben wir uns überlegt, Euch einige unserer Fotos der Sehenswürdigkeiten unseres letzten Besuchs zu zeigen (Bildmaterial gäbe es genügend 😀 ), aber uns dann doch umentschieden – wir wollen ja authentisch bleiben 😉 Einen Tag verbringen wir im Beihai-Park und an den Seen im Zentrum der Stadt, den Olympiapark von 2008 besuchen wir (unser Geheimtipp: unbedingt bei Nacht anschauen – noch eindrucksvoller als tagsüber und eine tolle Atmosphäre), ohne ein bisschen Shopping geht es natürlich auch nicht und viel Zeit verbringen wir in den tollen, unzähligen Chuanr Bars und in den Garküchen der Stadt 😀 Ein Schlemmerparadies…! Eigentlich wollten wir unsere Homepage auch etwas auf Vordermann bringen, aber das hat nicht so geklappt… Zu viele Chuanr Bars, deren Versuchungen wir nicht widerstehen konnten 😉

Letzten Mittwoch verabschiedeten wir uns dann wieder von der Stadt und stiegen – wieder einmal – in den Zug. Unser nächstes Ziel: das „gelbe Gebirge“ Huang Shan im Osten des Landes. Genauer gesagt: dessen Gipfel… 🙂

 

…Nach China zu kommen ist nicht wie nach Hause kommen. Aber es ist wie einen alten Freund wieder zu sehen, den wir länger nicht gesehen haben: Man kennt sich, man weiß um die guten und die weniger guten Seiten des anderen. Die rosarote Brille, durch die wir teilweise vielleicht Länder sehen, die wir zum ersten Mal bereisen, haben wir abgesetzt. Wir nehmen auch die weniger schönen Seiten des Landes wahr: den Müll auf den außerstädtischen Flächen, die vielen Flaschensammler in den Parks und den Smog, der in Beijing (aber nur an 3 von 8 Tagen) wie eine Dunstglocke über der Stadt hängt. Wir erkennen aber auch die schönen, dem Land und der Stadt ganz eigenen Eigenschaften: die älteren Menschen verbringen ihre Zeit im Park oder auf dem Dorfplatz, spielen gemeinsam Mehjong (ein Mühle-ähnliches Brettspiel), es wimmelt nur so von freiwilligen Verkehrslotsen und als wir ratlos auf unseren Stadtplan schauen, dauert es meist nicht lange, bis wir angesprochen werden ob wir Hilfe brauchen. Die Chinesen sind neugierig auf das Unbekannte, Fremde (in diesem Fall: auf uns 😀 ) und zeigen ihre Neugier ungeniert. Bietet sich die Gelegenheit, kommen sie gerne mit den ausländischen „Langnasen“ ins Gespräch. …Wir sind gespannt, welche unbekannten Seiten wir am Reich der Mitte noch entdecken werden!