Huang Shan – Bergsteigen auf chinesisch

„Verdammt touristisch! Aber ist es wert.“ Diese kurze Zusammenfassung zu unserem nächsten Ziel in China, dem gelben Gebirge Huang Shan, gab uns ein anderer Reisender, den wir in der Mongolei trafen. Damit deckte sich sein Eindruck mit dem von Liz und mit der Beschreibung in unserem Reiseführer. Der Huang Shan zählt zum UNESCO Weltkulturerbe, ist ein von tiefen Schluchten durchzogenes Granitgebirge, dessen höchster Gipfel 1.800 m hoch ist und bei dem die Täler auch im Sommer meist im dichten Nebel liegen. Und es ist ein Magnet für asiatische Touristen. Können wir verstehen. Auch für uns las es sich trotz der prophezeiten Touristenmassen verlockend. Also ab in die Provinz Anhui.

DIE ANREISE

Nach knapp einer Woche am selben Ort waren wir auch wieder so reisehungrig und bewegungslustig, dass uns nichts mehr in Beijing hielt. So schnappten wir unsere Rucksäcke (von uns liebevoll Feder & Klotz genannt – dabei ist Klotz immer der eigene und Feder der des/der Anderen 😀 ) und stiegen wieder in den Zug. Im Vergleich zu sonst war die Polizeipräsenz an diesem Tag noch größer und das erinnerte uns daran, dass der 4. Juni der Jahrestag des Tian´anmen Massakers ist. Die kommunistische Vergangenheit und die überall präsente Staatsgewalt ist eine Seite Chinas, die nicht zu denen zählt, die wir schätzen…. Trotzdem oder gerade deshalb war auch an diesem Tag alles friedlich. Am Bahnhof gab es die üblichen Sicherheitskontrollen und dann ging es mit dem Nachtzug in 26 Stunden an den Fuß des gelben Gebirges. Wir fuhren wie gewohnt 3. Klasse, also im offenen Großraumschlafwagen – allerdings zum ersten Mal in China. Und es war ein Erlebnis. Die Sitten sind anders. Um zu zeigen, dass Einem das Essen (im Zug in der Regel der Instant-Nudeltopf, die Erdnüsse oder die Hühnerfüße) schmeckt, schmatzt man hier lautstark. Und was nicht in den Mund wandert, fliegt kurzerhand auf den Boden. Auch im Zug. Nase putzen ist unhöflich. Also wird sie hochgezogen. Musik ist erst laut richtig gut. Der Nachbar kann ja seine Musik lauter machen, wenn er was anderes hören will. Überraschenderweise fahren Touristen wohl nicht so oft in der Hardsleeper-Klasse – wir waren eine kleine Sensation 😀

Nach unserer Ankunft frühmorgens fuhren wir direkt mit dem Bus in das kleine Dorf Tangkou weiter, welches Ausgangspunkt für den Zugang in den Huang Shan Nationalpark ist. Dort trafen wir Mr. Hu. In seinem Hotel (von Lonely Planet empfohlen, wie er uns ganz stolz zeigte) konnten wir alles an Gepäck deponieren, was wir auf dem Berg nicht brauchten. Wir packten also um, deckten uns mit genügend Wasser und Proviant für 3 Tage ein und kauften uns kurzentschlossen noch Zelt und Isomatte (günstiger als 1 Hotelübernachtung auf dem Berg). Mit je ca. 12 kg bepackt brachen wir auf, um den Berg zu besteigen. Wir hatten 3 Möglichkeiten: den langen, harten Weg im Osten (7,5 km in ca. 2,5 Stunden); den längeren, härteren Weg im Westen (15 km in ca. 5 Stunden) und den kurzen, einfachen Weg (30 Minuten, die Seilbahn). Wir entschieden uns für den langen, harten Weg. Was das heißen sollte, spürten wir bald….

HIMMELSLEITER

Treppen! Treppen! Treppen! Sobald wir die immense Eintrittsgebühr von 230 RMB (ca. 29 € – zum Vergleich: ein Doppelzimmer in einem Mittelklasse-Hotel kostest ca. 130 RMB die Nacht) pro Nase bezahlt hatten und den Park betraten, sahen wir sie: Treppenstufen! Anfangs dachten wir noch, dass nur der Anfang des Weges bis zur unteren Seilbahnstation so angelegt ist. Irrtum! Tatsächlich legten wir die kompletten 7,5 km über knapp 1.000 Höhenmeter bergaufwärts treppensteigend zurück….! Wir waren froh, uns den landschaftlich noch reizvolleren westlichen Weg für den Abstieg aufgehoben zu haben, da wir so japsend und stampfend die wirklich einmalige Landschaft irgendwie nicht in vollen Zügen genießen konnten…:-D Oben angekommen, bewunderten wir erstmal die tolle Aussicht. Als wir mittags im Tal losgingen, hatten wir noch strahlenden Sonnenschein. Über den Nachmittag zogen die Wolken und der Nebel die Täler unter uns zu, sodass nur noch de Gipfel zu sehen waren. Wieder zu Atem gekommen, konnten wir sagen, dass die Aussicht den Aufstieg wert gewesen war. Im Nachhinein… 😉

Die 2 Stunden bis zum Sonnenuntergang verbrachten wir damit, die verschiedenen Peaks in der Umgebung rund um den Gipfel zu erkunden. Auch hier wieder: sobald es einen Höhenunterschied von mehr als 20 cm gab, folgte eine Treppenstufe! Trafen wir auf unserem Aufstieg noch recht vereinzelt andere Wanderer, bekamen wir oben auf dem Berg schon einen Vorgeschmack darauf, was uns die kommenden 2 Tage erwartete: Mit der Seilbahn heraufgefahrene asiatische Touristengruppen (selbst ohne die obligatorischen Schildmützen wären sie leicht zu erkennen an ihrem unverschämt frischen Aussehen 😉 ) bekamen von ihren Guides mit Megaphonen die Gegend erklärt.

Wir genossen einen tollen, fast ruhigen Sonnenuntergang auf einem der Gipfel, bevor wir unser Zelt zum 1. Mal aufschlugen. Wenn ihr vorhin aufmerksam gelesen habt, dass wir uns zwar Zelt und Isomatte kauften aber keinen Schlafsack, könnt ihr Euch schon vorstellen, wie unsere Nacht auf knapp 1.700 m war: bitterkalt! 😀 Unsere tollen Seiden-Inlets sind zwar wunderbar kuschlig, aber als Wärmespeicher taugen sie nicht unbedingt… Irgendwann zogen wir uns unsere dicken Jacken und die langen Hosen wieder an und waren froh, dass unsere Nacht kurz war und um 4 Uhr früh der Wecker klingelte. Der Sonnenaufgang rief! Vor unserem Zelt konnten wir trotz der frühen Stunde bereits ein buntes Stimmengewirr vernehmen – wir waren nicht die einzigen, die die Sonne aufgehen sehen wollten…

GIPFELROMANTIK IM MORGENROT

Der Huang Shan verdankt einen großen Teil seiner Beliebtheit einem Phänomen, dass sich Wolkenmeer nennt und in dieser Form einmalig ist auf der Welt. Mit etwas Glück sind bei optimalen Wetterbedingungen frühmorgens nur die Gipfel der umliegenden Granitfelsen sichtbar, die wie aus dem Nichts bzw. wie aus einem Meer aus darunter hängendem Nebel aufragen. Dieses seltene Spektakel (an ca. 20 Tagen im Jahr zu sichten) blieb uns leider an diesem Morgen verwehrt, trotzdem war die Kulisse für den Sonnenaufgang gewaltig. Ihr könnt es Euch so vorstellen: Wir beide…um uns herum nur die Berggipfel…die aufgehende Sonne, die langsam durch die Wolken bricht …ach so ja, und natürlich die ca. 100 lautstark begeisterten Chinesen um uns herum 😀
Denn natürlich möchte jeder, der auf dem Berg ist, das Wolkenmeer sehen. Wir nutzen die frühe Stunde danach und machten uns auf, den weniger bekannten West Sea Canyon zu wandern. Dieser sollte uns in 4 Stunden auf 8,5 km zuerst 650 Höhenmeter hinunter in eine Schlucht führen, bevor es anschließend wieder auf den höchsten Gipfel des Gebirges hinauf ging. Tourgruppen kamen hier laut Reiseführer nicht hin. Wir hatten die Hoffnung, dass dies gleichzeitig hieß, keine Megaphone und richtige Wanderwege = keine Treppen. Während unsere erste Hoffnung sich bewahrheitete und wir auf dem Weg hinunter zunehmend weniger andere Touristen trafen, wurde unsere Hoffnung auf einen stufenlosen Tag enttäuscht! In unzähligen Treppenabsätzen ging es abwechselnd hinauf und wieder hinunter. Unterwegs stellten wir fest, dass die Wanderkarte die wir tags zuvor kauften, leider auch nicht mehr ganz aktuell war… Seit einigen Jahren gibt es eine neue Seilbahn, die aus dem Canyon wieder nach oben fährt – allerdings wurde auch der ursprüngliche Weg nach oben gesperrt. Für uns hieß das: Aus den 4 Stunden wandern wurden 7 und aus 8,5 km mit einem Mal 15,5! Biene war froh, dass ihr Rucksack mit abnehmendem Proviant langsam leichter wurde, Uli stieg tapfer mit seinen 12 kg die Stufen hoch und runter. Als wir gegen spätnachmittags schließlich wieder auf den Gipfel angekrochen aufgestiegen waren, waren unsere Beine für diesen Tag bedient….
Dementsprechend suchten wir uns ein Zeltplätzchen so nah wie möglich am Bright Summit Peak, um am nächsten Morgen vor dem Sonnenaufgang so wenig Stufen wie möglich steigen zu müssen. 😀 Nach einer zweiten kalten & kurzen Nacht sahen wir nochmal einen Sonnenaufgang vor schöner Kulisse (eingerahmt von Dutzenden von Armen, die alle versuchten, das perfekte Photo zu schießen und musikalisch untermalt von den unzähligen *Klicks* der Spiegelreflexkameras), wenn auch kein Nebelmeer. Im Anschluss daran machten wir uns auf den Abstieg. Es ging treppab…

STUFE UM STUFE UM STUFE

Die Landschaft rund um dem westlichen Weg war in der Tat noch schöner als auf dem Aufstieg. Allerdings gefiel uns die Landschaft und sie Aussichten auf dem West Sea Canyon, den wir am 2. Tag liefen, mindestens genauso gut. Könnte natürlich auch daran liegen, dass wir zunehmend darauf konzentriert waren, eine Gehart zu finden, mit der das Treppabsteigen weniger schmerzte 😉 Wir sahen auf dem Weg sehr viele Lastenträger, die auf schweren Körben auf ihren Schultern Lasten mit bis zu 100 kg hoch oder runter schleppten – absolut bewundernswert! Wir waren auch ohne zusätzliches Gewicht dieser Größe schon bedient… Wir fragten uns allerdings auch, weshalb die Waren nicht mit den Seilbahnen transportiert wurden 😉 Schließlich unten angekommen, gönnten wir uns erstmal ein Eis, bevor wir in das wirklich nette Hotel von Mr. Hu zurück liefen und dort eine Nacht übernachteten. Nach einer ausgiebigen Dusche legten wir für Rest des Tages – Überraschung – nur noch die Beine hoch…. Unsere nächsten Ziele, die pittoresken Dörfer rund um Wuyuan waren zum Glück flacher… 🙂

UNSER FAZIT NACH 3 TAGEN AUF DEM MOUNT HUANG SHAN:

Das gelbe Gebirge wird seinem Ruf gerecht. Es ist verdammt touristisch! Aber die Natur und die Aussichten sind etwas Besonderes. Wieder zu Atem gekommen, können wir sagen, dass die Aussicht den Aufstieg wert gewesen ist. Im Nachhinein, wenn der Muskelkater nach gut einer Woche wieder verschwunden ist… 😉 Wenn man in der Lage ist, die Scharen von Touristengruppen mitsamt den Megaphonen auszublenden, bekommt man für den strammen Eintrittspreis tatsächlich ein Stück erlebenswerte Natur geboten. Wer allerdings ein Bergsteigererlebnis wie wir Deutschen es aus den alpinen Bergen nah der Heimat gewohnt sind, sucht, wird enttäuscht. Dafür sind die menschgemachten Treppenstufen zu dominant. Wir haben mal grob überschlagen: Geschätzt sind wir in den 3 Tagen 50.000 (!!) Treppenstufen gestiegen!

Unsere Tipps Solltet ihr ebenfalls einmal den Mt. Huang Shan besteigen, um Euer Glück zu versuchen und in den seltenen Anblick des Wolkenmeer zu kommen – steigt für den Sonnenaufgang weder auf die Refreshing Terrace noch auf den Bright Summit Peak (die offiziell genannten besten Aussichtspunkte). Genau gegenüber des Bright Summit Peaks ist der Lotus Peak – ebenfalls in bester Lage und wir sahen auf diesem Gipfel in den frühen Morgenstunden keine einzige Menschenseele…wohingegen die beiden anderen Plattformen mehr als sehr beliebt sind!

Und solltet ihr noch zweifeln, ob sich der anstrengende Aufstieg auf den Huang Shan für das zu erwartende Bergpanorma lohnt, dann empfehlen wir Euch, Euch auf www.bergzeit.de auf jeden Fall durch die tollen Aufnahmen des Reisefotografen Björn Nehrhoff von Holderberg zu klicken.*

* Diese Empfehlung der wirklich sehenswerten Fotogalerie mit Reiseeindrücken aus dem Reich der Mitte entstand mit freundlicher Unterstützung von Bergzeit.