Tongariro Alpine Crossing – Himmel und Hölle am Schicksalsberg

Nach über einer Stunde Daumen ausstrecken am Straßenrand Taupo’s gabelt uns also Oscar mit seinem Wohnmobil auf. Eigentlich ist er ja schon an uns vorbei, als er extra nochmal umdreht. Oscar ist Spanier, in unserem Alter, allein 3 Wochen durch Neuseeland unterwegs und hat am nächsten Tag noch nichts vor. Das wird später noch wichtig für uns werden.

Auf der Fahrt gen Süden unterhalten wir uns gut. Wir erzählen Oscar von unserer geplanten nächsten Wanderung: Das Tongariro Alpine Crossing. Es ist eine der Wanderungen, die für uns von Anfang an fix fest stand. Weil die Fotos anderer Wanderer davon einfach so sagenhaft sind, dass wir nachschauen wollen, ob die Landschaft auch in echt so aussieht (Spoiler: Tut sie! Wir wissen’s jetzt.) Der 47 km lange Tongariro Northern Circuit zählt zu den Great Walks, den 9 ausgewiesenen schönsten Mehrtageswanderungen Neuseelands. Ein Großteil der Wanderer läuft allerdings nicht den gesamten 3-4 tägigen Rundweg, sondern beschränkt sich auf die Überquerung selbst, die als Tagesetappe in 7-8 Stunden gelaufen werden kann.

Nach etwa einer Stunde Fahrt stoppt Oscar sein Wohnmobil am Seeufer. Wir kommen gerade rechtzeitig zum wunderschönen Sonnenuntergang. Perfekt! Wir sind uns alle drei einig: nichts ist schöner als draußen in der Natur zu übernachten. Außerdem hat Oscar wie wir ja alles dabei. So campen wir zu dritt direkt am See. Oscar in seinem Wohnmobil, wir im Zelt. Die Nacht ist sternenklar, sodass wir nur unser Moskitonetz aufbauen und unter dem funkelnden Sternenhimmel einschlafen.

You never walk alone

Am nächsten Morgen begrüßt uns Oscar über einer heißen Tassee Kaffee mit der Nachricht, dass er aufgrund unseres Schwärmens entschieden hat, ebenfalls das Tongariro Aplone Crossing zu laufen. Besser könnte es für uns gar nicht laufen – damit hat sich schon erledigt, ob wir wohl eine Mitfahrgelegenheit zum doch sehr abgelegenen Startpunkt der Wanderung finden. Also steigen wir nach einem Bad im recht frischen See wieder zu Oscar ins Wohnmobil, kaufen gemeinsam Proviant, informieren uns im Info-Center Turangi über die aktuellen Wetterbedingungen und fahren direkt zum Ausgangspunkt der Wanderung! So einfach kann es laufen!

Schon mehrere Kilometer vor Mangatepopo begrüßt uns der majestätisch aus der mit blühenden Wildblumen bedeckten Steppe aufragende Mount Ruapehu. Sogar jetzt im Spätsommer ist sein Gipfel schneebedeckt und leuchtet weiss vor dem strahlend blauen Himmel. Voller Vorfreude auf die Wanderung springen wir am Parkplatz aus dem Wohnmobil. Wir verabschieden uns von Oscar. Da er einen Shuttle-Service vom Endpunkt der Wanderung zurück zum Parkplatz gebucht hat – schließlich muss er ja irgendwie zurück zu seinem Wohnmobil kommen – muss er die 17 km der Tagesetappe zügig laufen, um die letze Fahrt nicht zu verpassen. Wir hingegen wollen es ohne Eile angehen. Deshalb laufen wir auch erstmal nur die 3 Kilometer zur Mangatepopo Hütte. Hier vespern wir erst mal gemütlich auf einer Bank in der Sonne. Wir wollen mit dem Aufstieg noch etwas warten, um nicht mitten im Strom der Tour-Gruppen zu sein, sondern nach den Massen laufen zu können.

Höllische Stufen durch Mordor

Unsere Taktik geht auf. Als wir schließlich über den schmalen Holzplankenweg über die mit Büschen, Sträuchern und Gräsern bewachsene Steppe zu den Soda Springs laufen, treffen wir nur vereinzelte Nachzügler. Die alpine Landschaft erinnert uns an unseren Overland-Track in Tasmanien. Wir waten durch ein Meer aus lila, weiss und gelb blühenden Wildblumen. Dann erreichen wir die berüchtigten Devil’s Staircases. Ab hier geht es über steile Stufen nach oben. Der Aufstieg ist anstrengend. Anders als die meisten Wanderer tragen wir unser gesamtes Gepäck auf den Rücken. Dennoch sind wir nicht langsamer als die nur mit leichtem Tagesrucksack ausgestatteten Wanderer. Unsere bereits zurück gelegten Wanderungen zahlen sich aus – inzwischen sind wir richtig fit. Und so sind wir fast ein klein wenig verwundert, als wir plötzlich im Südkrater auf 1.650 m Höhe stehen. Wir sind oben angekommen. Stets in der Annahme, dass das anstrengendste Teilstück erst noch kommen wird. Aber nein, der Aufstieg ist tatsächlich geschafft.

Himmlische Landschaft am Mount Doom

Zu unserer Rechten erhebt sich als perfekter Kegel der Vulkan Ngauruhoe – seine konische Form erkennt jeder Der Herr der Ringe-Schauer sofort – spielt er als Schicksalsberg doch eine bedeutende Rolle in Tollkin’s berühmter Triologie. Flott durchqueren wir den Krater. Die Aussicht am anderen Ende ist phänomenal. Direkt vor uns liegt der Rote Krater. Von hier blicken wir kilometerweit in eine in den verschiedensten Schattierungen gefärbte und spektakulär geformte aktive Vulkanlandschaft. Es ist geradezu unwirklich schön.

Und es kommt noch besser. Wir haben noch Kraftreserven und entscheiden uns für den einstündigen Aufstieg über rollenden Schotter auf den 1967 m hohen Gipfel des Tongariro. War die Aussicht vorher schon phänomenal, dann ist sie nun einfach atemberaubend: Richtung Osten sehen wir die 3 so typischen Kraterseen, von denen einer gelb, der zweite grünlich und der dritte strahlend blau gefärbt ist. Hinter dem ovalen Südkrater thront pechschwarz Mount Ngauruhoe. In die andere Himmelsrichtung sehen wir über eine saftig grüne Ebene bis zum See Taupo. Die Aussicht ist schlicht und ergreifend gi-gan-tisch!

Spaziergang durch Mordor

Nach ausgiebiger Bewunderung reißen wir uns wieder los und steigen ab zu den Emerald Lakes. Hier sind wir einmal mehr froh, unabhängig von Transportmitteln unterwegs zu sein: Wir entscheiden uns spontan, nicht weiter dem Wanderweg der Tagesetappe zum Endpunkt zu folgen, sondern stattdessen auf den Northern Circuit abzubiegen, um noch mehr von dieser faszinierenden Landschaft zu sehen. Proviant haben wir genügend dabei und Wasser können wir an den Hütten des DOC auffüllen. Und wir werden nicht enttäuscht. Über erkaltete Lavafelder und zu Schluchten geformte Täler steigen wir ab und erreichen in der Dämmerung ein weitläufiges Lava-/Geröllfeld. Am Fuße des Vulkans schlagen wir unser Lager für diese Nacht auf. Im untergehenden Licht der Sonne wirkt die Natur um uns herum noch unwirklicher als zuvor. Alles ist in ein kühles violetttes Licht getaucht, wirkt surreal und geradezu mystisch.

Wir sitzen auf der Kuppe und blicken staunend in die Natur, bis alle Konturen vollends in der Dunkelheit verblassen. Es wird kalt und ein sternenklarer Nachthimmel kündigt sich an. Wir liegen hart in dieser Nacht, die kleinen Steinchen drücken durch unsere dünne Isomatte. Aber nach der langen Wanderung schlafen wir dennoch tief und fest. Um uns herum nur die endlose Weite und der Vulkan. Kurz vor Sonnenaufgang wachen wir auf. Wir blinzeln aus dem Zelt. Vor uns liegt Mount Ruapehu – ausnahmsweise nicht wolkenverhangen, sondern in seiner ganzer morgendlicher Pracht.

Unser Zeltplatz vor dem Mt. Ruapehu

Die verlorene Straße

Vor dieser herrlichen Kulisse kochen wir uns Kaffee, bevor wir unser Camp wieder abbauen und weiter wandern. 3 Stunden später erreichen wir die Waihohonou Hütte. Hier genießen wir selbstgekochtes Porridge und den phantastischen Panoramablick.

Von Wanderern aus der Gegenrichtug lassen wir uns sagen, dass das noch kommende Teilstück landschaftlich nicht mit den beiden vorherigen Etappen mithalten kann. Wir haben auch das Gefühl, dass es nach diesen 26 km faszinierender nicht werden kann! Wir streichen daher die letzte Tagesetappe des Northern Circuit und wandern stattdessen über eine großzügige und von Wildblumen bewachsene Ebene gen Osten.

2 Stunden später stehen wir so nach zweitägiger, erfolgreicher Überquerung der südlichen Alpen wieder mit ausgestrecktem Daumen am Lost Highway. Dieser bringt uns durch Weideland und weitläufige Hügellandschaft weiter Richtung Süden. Unser letztes Ziel auf der Nordinsel ist Wellington. Wir erreichen die neuseeländische Hauptstadt nach 4 weiteren Mitfahrgelegenheiten tags darauf und bekommen auch direkt zu spüren, weshalb die Stadt den Spitznamen windy Wellington trägt. Trotzdem schlagen wir auch hier unser Zelt auf. Mittlerweile sind wir schon wahre Hardcore-Camper und unser Zelt beweist sich auch in widrigen äußeren Umständen jede Nacht aufs Neue als warme, trockene Höhle.

Hauptstadtwanderer

Und wir gehen auch nochmal wandern: Dieses Mal kreuz und quer durch das trotz Hauptstadtstatus gut zu Fuß begehbare Wellington. Wir laufen zum und durch das absolut lohnenswerten Nationalmuseum Te Papa, zur Sternwarte, zu unserem etwas außerhalb gelegenen Zeltplatz und entlang der Promenade. Zur Feier unseres 666. Reisetages steigen wir zum Sonnenuntergang auf den Mount Victoria mit Aussicht über die ganze Stadt.

Zwei Tage später laufen wir schließlich unsere letzten 5 Kilometer auf der Nordinsel: morgens früh um 6 Uhr spazieren wir los und laufen geschlagene 1 1/4 Sunden zum Fährhafen auf der anderen Stadtseite (der 20-minütige Shuttlebus hätte 10 $ gekostet).

Und damit beginnt nach 15 Tagen auf der Nordinsel und einer regnerischen Überfahrt durch die Cook Strait Teil 2 unserer Herausforderung, Neuseeland komplett zu Fuß und per Anhalter zu durchqueren: Die Südinsel!

Ob wir wohl auch hier so gut voran kommen werden? Die Südinsel ist sehr viel dünner besiedelt als die Nordinsel und die Distanzen zwischen den Städten einiges größer.

Im nächsten Bericht werden wir Euch erzählen, wie es lief…!