Kanada

Ein Satz mit X… oder: Winter(b)einbruch in Kanada

Ein Satz mit X… oder: Winter(b)einbruch in Kanada

„Leben ist das, was passiert, während wir damit beschäftigt sind, andere Pläne zu schmieden“.

Dieser Spruch trifft ganz gut, was bei uns gerade los ist. Denn eigentlich hatten wir – ganz unüblich für uns – das nächste halbe Jahr komplett geplant und durchorganisiert. Eine Wintersaison in den Rocky Montains zu (er-)leben war einer der Hauptgründe, weshalb es uns für ein Jahr nach Kanada zog. Im Laufe des Oktobers hat sich dann auch nach und nach alles perfekt ergeben:

Wir beide bekommen Jobangebote im Panorama Resort. Dieses Skigebiet war von Anfang an eines unserer Favoriten: Super Schneebedingungen, anders als die bekannteren Skigebiete wie Whistler oder Banff ist es nur selten überfüllt, es bietet gute Arbeitsbedingungen plus Personalvorteile und ist gut gelegen. Anfang Dezember geht die Skisaison los und dauert bis Mitte April. Passt!

Die Personalunterkünfte am Berg sind leider bereits alle vergeben, aber nach etwas Suche finden wir ein gemütliches, großzügiges und toll eingerichtetes Haus im nahen Dorf. Zwar keine Ski in/Ski out-Möglichkeit wie am Berg, dafür aber in direkter Nähe zum See, der winters zufriert und als längste Eisbahn der Welt sogar einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde hält. Wir sehen uns bereits an unseren freien Tagen morgens Schlittschuh fahren und Langlaufen und abends am Ufer entlang joggen. Ende November können wir einziehen. Da das Haus recht groß ist, wollen wir der 2 der 4 Schlafzimmer an zukünftige Kollegen untervermieten. In null Komma nichts finden sich ein sympathischer Engländer und eine nette Australierin. Passt! 

Sonnenaufgang über den Rocky Mountains

Auf Skeena Meadows arbeiten wir noch bis Mitte November. Wir gönnen uns noch 2 Wochen Zeit zum Reisen, bevor die Wintersaison startet. Zum Wandern und Zelten ist es mittlerweile zwar zu kalt, aber auch für diese Jahreszeit bietet Kanada etwas Besonderes: Nordlichter und Eisbären! Während sich die Reise zu den Nordlichtern nach Yellowknife ganz wunderbar fügt und wir dort im Apartment unserer Arbeitgeber wohnen dürfen, gestaltet sich der geplante Abstecher in die Subarktis zu den Eisbären schwieriger! Es will einfach nichts so recht zusammen passen. Und so beschließen wir nach wochenlanger Recherche, Planung und viel Hin und Her, darauf zu verzichten. Mittlerweile könnten wir einen Reiseführer über die „Eisbären-Hauptstadt der Welt“ Churchill in Manitoba schreiben, ohne jemals selbst dort gewesen zu sein. Ganz ehrlich, vor allem Biene ist zu diesem Zeitpunkt ziemlich frustriert. Naja, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben…!

Der 1. Schneeball!

Nach Manitoba wollen wir dennoch reisen und stattdessen ein Wochenende in dessen Hauptstadt Winnipeg verbringen. Die Flüge sind bereits gebucht und ehrlich gesagt…wir haben da diesen winzigen Funken Hoffnung, dass sich wie schon öfters in letzter Minute doch noch irgendwie eine Möglichkeit auftut, zu dem Eisbären zu gelangen….you never know!

In den letzten Tagen auf dem Anwesen sind wir noch gut beschäftigt: Wir wollen das gelichtete Waldstück noch vollends von Geäst und Baumstümpfen befreien, die Hunde sowie  die Fasanen müssen versorgt werden, Feuerholz gemacht und der Ofen geheizt werden, einige kleinere Projekte stehen auch noch an. Nicht zuletzt hat auch unser Koch Urlaub und wir müssen uns selbst verpflegen. Was nach 4 Monaten Rundumverköstigung auch wieder eine Umstellung ist. 

Dann am vorletzten Arbeitstag passiert es: Biene gerät mit dem Allrad-Buggy  auf dem gefrorenen Weg ins Schleudern, rutscht eine kleine Böschung hinauf und das Fahrzeug kippt um. Im Krankenhaus stellt sich heraus, dass der linke Knöchel gebrochen und ein Band gerissen ist. Noch lässt sich nicht ausschließen, dass ein weiterer Knochen ebenfalls gebrochen ist, was eine OP bedeuten würde. So oder so lautet die Prognose 6 Wochen Gips, jede Woche Röntgen und keinerlei Belastung des Beines. Uuumpf!

Das bringt natürlich erstmal alles heftig durcheinander! Was machen wir jetzt? Fliegen wir dennoch? Können wir überhaupt? Wie organisieren wir das alles? Und vor allem: was wird jetzt aus Biene´s Job als Liftie in 3 Wochen?! 

Klotz am Bein…

Schnell ist klar: an der Situation können wir nichts ändern. Ist jetzt halt so, auch wenn es sch*** ist! Was aber in unserer Hand liegt, ist die Entscheidung, wie wir mit dieser Situation umgehen. Wir beschließen, das Beste daraus zu machen!

2 Tage später fliegen wir deshalb trotz Klotz am Bein nach Winnipeg. Schnell stellen wir fest, dass Winterpeg seinem Spitznamen alle Ehre macht: Schon bei unserer Ankunft mitten am Tage erwarten uns frostige minus -25 Grad Celsius. Direkt nach unserer Landung leihen wir uns einen Rollstuhl für unsere 4 Tage vor Ort. So sind wir doch einiges mobiler als nur mit den Krücken. 

Rock´n´Roll in Winnipeg

Dick eingemummelt erkunden wir die kommenden 3 Tage rollend Manitoba´s Hauptstadt: Wir spazieren am bereits zugefrorenen Fluss entlang, werfen einen Blick in das architektonisch interessante Regierungsgebäude, erkunden das historische Zentrum und schauen uns den lokalen Weihnachtsumzug an. Länger als eine Stunde halten wir es in der beißenden Kälte und dem eisigen Wind, der durch die Straßen pfeift, allerdings nicht aus – zwischendurch wärmen wir uns immer wieder in gemütlichen kleinen Cafés auf. Besonders gut gefallen uns die Forks Markets, eine historische Markthalle mit originellen kleinen Shops und kulinarischen Delikatessen aus aller Welt. Einen Tag verbringen wir im super interessanten und spannend komponierten Museum of Human Rights.

An unserem letzten Tag in Winnipeg sehen wir schließlich doch noch Eisbären – wenn auch nur im Assiniboine Zoo. Dieser arbeitet eng mit mehreren Tierschutzorganisationen und Forschungsstationen zusammen und neben einem tollen Arktis-Habitat gibt es auch viele Infos zu wichtigen Themen wie Klimawandel und Schutz des arktischen Lebensraumes. Es ist beeindruckend, die weißen Giganten aus nächster Nähe beim Schwimmen, Raufen und Tauchen beobachten zu können – dennoch ist es natürlich nicht dasselbe, wie Tiere in freier Wildbahn und in ihrem natürlichen Lebensraum anzutreffen. Wenn wir uns auch sicher sind, dass sich die Eisbären bei den Temperaturen in Winnipeg an diesem Tag pudelwohl fühlen…

Dienstags fliegen wir weiter nach Yellowknife. Dass die Hauptstadt der Nordwest-Territorien gut 1.000 km weiter nördlich liegt als Winnipeg macht sich in karger, bereits verschneiter Tundra rundum und nochmals 10 Grad kälteren Temperaturen bemerkbar. 

Auch hier leihen wir uns zuallererst einen Rollstuhl, um nicht ganz auf Winterspaziergänge verzichten zu müssen. Wir beziehen das Apartment der Besitzer von Skeena Meadows im zweithöchsten Gebäude der Stadt und schauen vom Erkerfenster aus dem Schneegestöber zu. Vom neunten Stock aus haben wir einen guten Blick über die 20.000 Einwohner zählende Stadt und die Seen rundum. Diese sind bereits vereist – noch ungefähr einen Monat wird es dauern, bis das Eis dick genug ist und die Eisstraßen eröffnet werden können. Yellowknife liegt am Ende der Straße – von hier aus Richtung Norden kommt bis zum Nordpol nur noch Tundra, Wasser und Eis. Alles, was nördlich von hier liegt (hauptsächlich Diamantminen und Inuit-Siedlungen), ist sommers nur per Wasserflugzeug und winters nur über diese berühmt-berüchtigten „Ice Roads“ zu erreichen.  

Wood Buffalo in Yellowknife

 Während Yellowknife selbst im Winter nichts besonders Sehenswertes ist, ist es seine Lage, dass seinen besonderen Reiz ausmacht. Abgesehen von den unterirdischen Gold- und Diamantvorkommen in dem Gebiet liegt der Hauptanziehungsgrund Yellowknife´s im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft: In den kalten Winternächten können hier regelmäßig Aurora Borealis (Nordlichter) am dunklen Nachthimmel beobachtet werden. Yellowknife bietet dafür so gute Bedingungen, dass es sogar den Titel „Hauptstadt der Nordlichter“ trägt und jede Winternacht durchschnittlich zwischen 300-500, größtenteils asiatische, Touristen anlockt. Die Aurora Borealis einmal mit eigenen Augen über den Nachthimmel tanzen zu sehen, ist ein Traum, den auch wir uns hier erfüllen wollen. Wenn das klappt, ist es auch nicht schlimm, dass es derzeit mit Schlittenhundefahrt, Schneemobilausflügen und Schneespaziergängem nichts ist.

Und hier sind wir jetzt also.

Bisher schneit es fast durchgehend und der Himmel hängt voller Schneewolken. Tagsüber unternehmen wir rollend kurze Spaziergänge, besuchen das Museum und kommen dank den Kontakten der Besitzer von Skeena Meadows auch über die Stadt hinaus und raus in die schöne, wilde Umgebung. Zwischendurch legen wir immer wieder Pausen auf der Couch ein, damit Beine ihr Bein hochlegen kann. Die Tage hier sind kurz: Sonnenlicht hat es nur zwischen 10 Uhr und 15 Uhr – bereits um 16 Uhr ist es stockdunkel. Bis morgen hoffen wir noch auf ein Aufreißen der Wolkendecke und tanzende Nordlichter. Dann werden wir nach Calgary fliegen und dort 2 Tage verbringen. Ein weiterer Röntgentermin steht an, bevor wir donnerstags mit dem Shuttlebus des Skigebiets Invermere erreichen und hoffentlich in unser Haus einziehen können.

Wie es im Skigebiet laufen wird, ob Biene trotz Gipsfuß arbeiten kann, ob eine OP notwendig sein wird, wann sie wieder Ski fahren kann – all das wissen wir noch nicht. 

Wir wissen nur eins: egal was kommt, wir werden das Beste daraus machen! 

Sonnenaufgang in Yellowknife um 9.36 Uhr

 

3 Monate Work & Travel in Kanada – erster Eindruck, erster Überblick, erster Bericht!

3 Monate Work & Travel in Kanada – erster Eindruck, erster Überblick, erster Bericht!

Wir schreiben den 16. August 2018. Heute sind wir seit genau 3 Monaten in Kanada! Wie die Zeit verfliegt…

Es ist an der Zeit, unsere ersten 92 Tage in dem Land, das sich selbst in seiner Nationalhymne als The True North besingt, Revue passieren zu lassen. Wir haben schon viel zu erzählen. Aber heute möchten wir Euch erstmal einen Überblick geben, wo und wie wir unsere Zeit in Kanada verbringen. Euch hier auf unserem Blog wieder auf unsere Reise mitnehmen. Und unsere ersten Eindrücke mit Euch teilen.

Das ist unsere bisherige Route durch Kanada:

Wie ihr seht, haben wir 3 der 13 kanadischen Provinzen und Territorien bereist. Wir haben über 7.000 Kilometer zurück gelegt und sind sogar schon an Orte gereist, von denen wir dachten, sie seien zu schwer zu erreichen und zu weit entfernt, um sie – per Anhalter – zu bereisen.

So denn, fangen wir von vorne an:

Am Donnerstag, den 16. Mai landen wir gegen Abend in Vancouver. Davor fliegen wir bei strahlendem Sonnenschein bereits einmal quer übers Land. Im Landeanflug können wir uns bei goldenen Abendlicht bereits ein erstes Bild von der Hauptstadt der Provinz British Columbia machen. Wir sehen viele Grünflächen, viel Wasser, viele Bäume und viele Brücken. Vancouver ist sehr schön gelegen: auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Seite die Berge. Dazwischen akkurat angelegte Straßenzüge. Der Internationale Flughafen greift das Thema Natur auf: raumhohe Wasserfälle tosen in der Ankunftshalle. Neben diesen gibt es ebenso große, kunstvolle Holzschnitzereien mit indianischen Motiven zu bestaunen. Bevor wir kanadischen Boden betreten dürfen, müssen wir erst noch gute 2 Stunden auf die Ausstellung unserer Arbeitsgenehmigungen warten. Es sollte unsere erste Erfahrung mit der kanadischen Bürokratie sein, die sich vor ihrem deutschen Pendant nicht zu verstecken braucht.

VANCOUVER

Unsere private Unterkunft erreichen wir super easy per SkyTrain und Bus. Das Straßenbild dominieren amerikanische, überdimensionale Pick-ups. Der Supermarkt um die Ecke, in dem wir uns mit Abendessen eindecken, erinnert uns ebenfalls sehr an die USA: wie die US-amerikanischen Supermärkte auf Hawaii ist er riesig, bietet überdimensionierte Packungsgrößen, ein großes Sortiment an Tiefkühlgerichten und verarbeiteten Lebensmitteln und extrabreite Supermarktgänge. Auf der positiven Seite stellen wir fest, dass frisches Obst und Gemüse viel günstiger ist als in Australien.

Die nächsten beiden Tage füllen wir mit Sightseeing und Organisatorischem: wir lassen unsere Steuernummern erstellen, beantragen kanadische Ausweisdokumente und leiten alles in die Wege, um Bankkonten zu eröffnen. Die Eröffnung selbst wird sich mehrere Wochen hinziehen (Fun Fact am Rande; Biene wartet bis heute, den 16.8., noch auf ihre Bankkarte!).

Außerdem verschaffen wir uns natürlich einen ersten Eindruck von Vancouver. Zu Fuß erkunden wir das Zentrum mit seinem Mix aus historischen Gebäuden und modernen Wolkenkratzern. Wir schlendern entlang der Uferpromenade, durch die Altstadt und das Businessviertel und spazieren zum Stanley Park. Gesamt laufen wir an den ersten beiden Tagen über 26 Kilometer. Auf diesen entdecken wir eine multikulturelle Großstadt mit Charme aber auch mit weniger charmanten Ecken. Vancouver pulsiert. In Englisch würden wir sagen, Vancouver ist edgy. Es ist ein Mix aus allem, was dieses Einwanderungsland ausmacht: es ist lebendig, vielseitig, amerikanisiert aber auch ethnisch divers, widersprüchlich und facettenreich. Mit 43% asiatischen Bürgern ist Vancouver außerdem die Stadt mit dem höchsten Anteil an Asiaten außerhalb Asiens. Gleichzeitig sehen wir viele Fast-Food-Ketten, riesige Shoppingmalls, hippe Cafés, kleine Bücherläden, Cowboystiefel-Shops und schicke Boutique-Bars . Die Vancouverites, wie die Einwohner Vancouvers genannt werden, sind bemerkenswert höflich, freundlich und respektvoll im Umgang. Mehrere Male bekommen wir am Ticketautomaten Tickets von Menschen geschenkt, die ihres nicht mehr brauchen. Wir dürfen umsonst im Bus mitfahren, weil wir den Fahrpreis noch nicht passend in Kleingeld haben und jeder, mit dem wir ins Gespräch kommen, heißt uns willkommen in Vancouver und in Kanada. Wir fühlen uns willkommen!

Nach 3 Tagen in Vancouver nehmen wir die Fähre nach Vancouver Island. Die eineinhalbstündigen Fährfahrt von Tsawassen in die Swartz Bay kostet uns 17,50 Dollar. Auf der Fahrt passieren wir die Gulf Islands und sehen auf diesen das Kanada aus unserem Kopfkino im Miniaturformat: dichte Tannenwälder, vereinzelte Blockhäuser, jedes  Grundstück verfügt über seinen eigenen Anlegesteg.

VANCOUVER ISLAND

Vancouver Island ist größer, als es sein Anblick auf der Karte vermuten lässt. Immerhin gute 500 Kilometer misst die Insel von Süd nach Nord. Generell sind Distanzen in Kanada groß. Kein Wunder, ist es doch das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde.

Grob gesagt reisen wir auf Vancouver Island vom Südwesten über die Inselmitte an die Ostküste, hier bis ganz hoch in den Norden und die Küste entlang bis ans Nodwestkap der Insel. Highlights sind unsere mehrtägigen Wanderungen, z. B. der Juan de Fucca Trail, der Elk River Trail im Strathconia Provincial Park und unsere Zweitageswanderung ans Cape Scott, wo wir nicht nur die schönsten Strände der Insel finden und am Leuchtturm den einzigen wolkenlosen Sonnenuntergang unserer Zeit an der Westküste Vancouver Island‘s erleben, sondern zu diesem von den Leuchtturmwächtern auch noch auf ein Glas Rotwein und Schokolade eingeladen werden.

Überhaupt sind unsere Begegnungen mit den Kanadiern ein weiteres Highlight auf Vancouver Island. Da ist zum Beispiel Peter. Auf unserer vierstündigen gemeinsamen Fahrt in den Norden der Insel gibt uns Peter nicht nur viele wertvolle Tipps, die in keinem Reiseführer stehen, er fährt mit uns auch einen Umweg, um uns am versteckt gelegenen Mak‘ama‘lak See mehrere Jahrhunderte alte und sehr hohe Bäume zu zeigen, erklärt uns die kanadische Pflanzenwelt und lädt uns schlussendlich noch zu sich und seiner Familie zum Abendessen ein. Als wäre das noch nicht genug, fährt er uns danach ungefragt noch zu unserer 20 km entfernt gelegenen Zieldestination – und begründet es damit, dass wir es sonst schwierig haben würden, diese am selben Abend noch zu erreichen. Peter ist ein typisches Beispiel für all die tollen Erfahrungen, die wir als Anhalter auf Vancouver Island machen!

Zwar ist auch die Natur sehr schön, allerdings denken wir dass diese erst ein Vorgeschmack auf das ist, was wir auf dem kanadischen Festland noch zu sehen bekommen werden. Des Weiteren sehen wir auf Vancouver Island deutlich mehr abgeholzte Flächen, als wir das erwartet hätten.

Herrlich finden wir allerdings die wilde Natur, die wir entlang der dünn besiedelten West- und Nordküste und auf unseren Abstechern auf die beiden winzigen Inseln Cormorant Island und Malcolm Island, entdecken können. Am meisten faszinieren uns die riesigen Baumstämme, die als Treibholz an allen Stränden zu finden sind. Die Strände selbst sind wie die Küsten wild und rau.

Auch wenn tagsüber die Sonne rauskommt, ist es für unser Empfinden für Mitte Mai noch ganz schön kühl. Die Einheimischen sprechen allerdings von ungewohnt hohen Temperaturen und mildem Wetter für diesen Monat. Für uns ungewohnt ist eher die Wassertemperatur des Meeres und der Flüsse, in die wir auf unseren Wanderungen zum Waschen springen: wenige Minuten reichen, um Gefühlstaubheit zu erreichen. Eisig! Eisig ist auch so manche Nacht in höheren Lagen in unserem Zelt. Und das im wörtlichen Sinne! Denn auch da erleben wir eine Neuheit: zelten im Schnee! Dank unserer guten Ausrüstung und unseren zu Wärmflaschen umfunktionierten Trinkflaschen ist aber auch das kein Problem.

Dabei bedarf das Zelten in Kanada einiger besonderer Vorkehrungen, die wir so noch nirgendwo anders beachten mussten. Zwar ist Camping in Kanada weit verbreitet und absolut etabliert – die Kanadier selbst sind ein totales Outdoor-Volk und kaum ein Kanadier geht am Wochenende nicht regelmäßig campen. Es gibt sogar ähnlich wie in Skandinavien ein sogenanntes „Jedermannsrecht“, gemäß dem überall auf „Crown Land“ (=Land in öffentlichem Besitz) gezeltet werden darf. Allerdings ist Kanada auch Heimat von Bären. Deshalb müssen beim Zelten in Kanada einige Sicherheitsvorkehrungen beachtet werden. Die wichtigste: Essen und duftende Hygieneartikel wie Deo, Zahnpaste etc. immer außerhalb des Zeltes aufbewahren und am besten abseits des Zeltplatzes in einen Baum hängen.

Rechts im Foto unsere Essensvorräte aufgehängt im Baum

Passend dazu verbinden wir auch dieses Highlight mit Vancouver Island: unsere ersten Begegnungen mit Bären! Während wir in unseren ersten Bären fast hinein stolpern, weil der Schwarzbär nach einer Kurve direkt vor uns den Wanderweg kreuzt – und wir diese Begegnung vor lauter Adrenalin in dem Moment nicht so ganz genießen können – sehen wir noch am selben Tag aus sicherer Entfernung und von Bäumen verborgen, wie eine Bärenmutter mit ihrem halbwüchsigen Nachwuchs in einer Bucht Seegras fressen.

SUNSHINE COAST

Nach 2 Wochen auf Vancouver Island setzen wir wieder auf das Festland über. Von Powell River aus laufen wir auf den Sunshine Coast Trail. Dieser erst vor wenigen Jahren eingeweihte und insgesamt 180 km lange  Fernwanderweg ist ein kleiner Geheimtipp und die einzige kostenlose Hütte-zu-Hütte-Wanderung Kanada’s. Der Sunshine Coast Trail lässt unsere Wanderherzen höher schlagen: die Wanderpfade sind herrlich naturbelassen, dennoch ist er gut gemarkt und da er noch nicht allzu bekannt ist, ist er auch noch nicht überlaufen. Als Belohnung für steile Auf- und Abstiege bietet er sagenhafte Ausblicke entlang der Sunshine Coast und am Abend wartet meist eine gemütliche, beheizbare Blockhütte. Diese steht nicht selten direkt am Wasser und somit kann man sich auch gleich erfrischen.

Nur seinem Namen macht der Trail – zumindest als wir ihn gehen – leider keine Ehre: das Wetter ist sehr durchwachsen und wir laufen mehr Tagesetappen bei Regen und Hagel als bei Sonnenschein. Daher brechen wir den Trail nach 4 Tagen ab. Denn wenn wir Berge bezwingen, haben wir auf dem Gipfel schon ganz gern eine gute Sicht als Belohnung für die überwundenen Höhenmeter. So wie hier vom Tin Hat Mountain:

Da das Wetter auch im Anschluss nicht viel besser wird, werfen wir den groben Plan, den wir für die nächsten 2-3 Wochen bereits hatten, komplett über den Haufen. Denn Wandern bei Regen und inzwischen auch mit ordentlicher Erkältung seitens Biene macht einfach keinen Sinn. Stattdessen visieren wir nun den Norden an. Den hohen Norden. Es ist mittlerweile der 10. Juni und zur Mittsommernacht am 21. Juni wollen wir dort sein, wo die Sonne an diesem Tag nicht untergeht: Nördlich des arktischen Polarkreises!

PER ANHALTER IN DIE ARKTIS

Zugegeben, es ist ein verrückter Plan. Nach wie vor haben wir kein eigenes Transportmittel in Kanada und das wollen wir auch so beibehalten. Wir wollen per Anhalter in die Arktis! Aber wie wir auf unserer Reise schon des Öfteren fest gestellt haben, sind die verrücktesten Ideen oft die besten. So wie unsere wahnwitzige Idee, uns in Guatemala ein altes Moped zu kaufen und damit durch Zentralamerika bis an den Panamakanal zu fahren. Und das hat schließlich auch geklappt…

Also stellen wir uns wieder an den Straßenrand und los geht‘s. Es läuft wie am Schnürchen. Wir wissen manchmal gar nicht, was uns mehr begeistert: die herrliche Landschaft, durch die wir fahren oder die tollen Menschen, die uns dort durch fahren.

SMITHERS

Zu Uli‘s Geburtstag 3 Tage später sind wir bereits in der Caribou Mountains Region im nördlichen British Columbia. Unser Fahrer Robin hat uns zu sich nach Hause eingeladen und so beginnt Uli‘s Geburtstag mit einem pompösen Geburtstagsfrühstück inklusive hausgemachten Blaubeerpfannkuchen. In der idyllischen Kleinstadt Smithers übernachten wir zur Feier des Tages das erste Mal in Kanada auf einem öffentlichen Campingplatz und haben so nicht nur eine heiße Dusche, sondern auch unser privates Lagerfeuer. Fast schon nebenbei machen wir auch direkt noch Sommerjobs in der Umgebung klar.

So können wir nun ganz entspannt genießen, dass die Landschaft wilder, die Ortschaften spärlicher und das Internet non-existent werden. Es gibt jetzt sowieso Spannenderes zu tun, als das Handy im Blick zu behalten: Der Highway 37, auf dem wir unterwegs sind, ist berüchtigt für seine Bären. Und tatsächlich sehen wir auf den 1.257 Kilometern so viele Schwarzbären am Wegesrand, dass wir aufhören sie zu zählen.

Auch in der nächsten Provinz, dem Yukon, halten wir die Augen fest nach draußen gerichtet: auf die 33.000 Einwohner des Yukon kommen immerhin geschätzt 10.000 Schwarz- und 6.000 Grizzlybären. In Whitehorse, der charmanten kleinen Provinz-Hauptstadt, erblicken wir den namensgebenden Fluss mit eigenen Augen. Wir sind tatsächlich am Yukon! Diesem konischen Wahrzeichen des wilden, weiten Nordens Kanada‘s!

Unser nächster Stopp ist der Goldgräberort Dawson City. Längst nicht mehr so wild wie zur Blütezeit des Goldrausches in der Klondike, lebt das kleine Städtchen bis heute von seinem Ruf als dessen Geburtsort.

Von hier geht es für uns auf die letzte Etappe: den Dempster Highway! Die 740 km lange Schotterpiste ist die einzige Straße Kanada´s, die den Polarkreis überquert. Und nicht nur das: der Dempster Highway gilt als eines der letzen großen Roadtrip-Abenteuer Nordamerika´s, als Roadtrip in und durch die Wildnis.

Wir erwarten lange Wartezeiten zum Trampen und sind uns unsicher, ob wir an diesem letzten Teilstück nicht scheitern werden. Unsere Bedenken sollten total überflüssig sein: keine Stunde warten wir am Beginn des Dempster Highways, als Julian in seinem roten Kleinwagen  neben uns abbremst. Wir kennen uns bereits: Julian hatte uns 2 Stunden früher ein kleines Stück aus Dawson City heraus mitgenommen. Auf der kurzen Fahrt unterhalten wir uns und erzählen ihm von unserem Vorhaben, den Polarkreis zu überqueren. Dann kommen wir auch schon an der Wäscherei an, wo er hinwill und sagen auf Wiedersehen.

Was wir nicht wussten, war, dass wir mit unserer Begeisterung und unserer Abenteuerlust Julian dermaßen inspiriert hatten, dass er, statt seine Wäsche zu waschen, Proviant für 2 Tage einkauft und uns kurzerhand hinterher fährt. Noch am selben Nachmittag überqueren wir Drei den Arctic Circle!

Bereits die Fahrt dorthin haut uns völlig von den Socken: so weit das Auge reicht, sehen wir unberührte Natur. Die nächste Straße ist Tausende und die nächste Siedlung Hunderte von Kilometern entfernt. Deshalb ist der Dempster Highway auch nicht nur landschaftlich eine Wucht: Karibus, Hirsche, ein  Elch, ein Luchs, Schneeschuhasen, Adler und eine Eule kommen uns vor die Linse.

Mit unserem nächsten Fahrer Coleman überqueren wir am nächsten Tag die kontinentale Wasserscheide und kurz darauf die Grenze zu den North West Territories. Nochmal einige Stunden später erreichen wir Inuvik. Das 3.400 Einwohner zählende Dorf im MacKenzie Flussdelta war lange Zeit das Ende der Straße. Erst seit Mai 2018 führt eine neue Straße weiter bis in das kleine Dorf Tuktoyaktuk ans arktische Meer. Glück für uns!

Und dann stehen wir am Abend des 20. Juni in der kleinen Inuit-Siedlung Tuktoyaktuk am arktischen Ozean! Wir brauchen einen Moment, um das zu realisieren! Wir haben es wirklich geschafft! Wir sind in der Arktis!

Zur Mittsommernacht schlagen wir unser Zelt direkt am Ufer des Nordpolarmeeres auf. Viel schlafen sollten wir in der Nacht allerdings nicht. Mit den einheimischen Fischern, von denen wir fangfrischen Fisch für unser Abendessen kaufen, stehen wir die ganze – taghelle – Nacht lang am Lagerfeuer und hören gespannt zu, was Leben in der Arktis für die Inuit bedeutet. Um 4.07 Uhr sehen wir der Sonne zu, wie sie anstatt unterzugehen über Norden zieht und im Osten wieder aufgeht. Was für ein Erlebnis! (Über das wir in einem separaten Bericht ausführlicher erzählen werden)

Keine 6 Tage später sind wir auch schon wieder in der Nähe von Smithers. Schneller hätten wir die Strecke bis in die Arktis und zurück auch mit eigenem Fahrzeug nicht zurück legen können. Wir würden daher sagen: die Expedition „Trampen in die Arktis“ war ein voller Erfolg!

SKEENA MEADOWS WILDLIFE PRESERVE

Auf dem Skeena Meadows Wildlife Preserve wartet ab Ende Juni unsere erste Arbeitserfahrung in Kanada auf uns. Schließlich sagt schon unser Visa, dass wir für ein Working Holiday in Kanada sind. Das 280 Hektar große Anwesen erstreckt sich über 2 Meilen entlang des fischreichen Skeena Rivers. An den 3 anderen Seiten wird das Gelände malerisch von den Hazelton Mountains eingerahmt. Wir dürfen in eines der 4 gemütlichen 5-Zimmer-Zelte direkt am Fluss einziehen. Die letzten Jahre über übernachteten hier zahlende Jagdgäste. Dieses Jahr bleibt die Jagd-Lodge allerdings geschlossen und lediglich die Zweitfirma der Besitzer operiert von den höher gelegenen Gebäuden aus. Unsere Hauptaufgabe für den Sommer ist es, von den 80 Hektar Wiesen im Flusstal Heu zu machen und einige kleinere Projekte umzusetzen.

Während Uli anfangs die Maschinen für die Heuernte einsatzfähig macht, arbeitet Biene solange im Bio-Garten mit. Dessen Erträge werden direkt vom Koch verarbeitet, der uns und unsere Kollegen täglich mit erstklassigem Mittag- und Abendessen verköstigt. Da geht sie hin, unsere Wanderfitness…

Während der Heuernte sind unsere Tage lang und wir sitzen die meiste Zeit auf den Traktoren. Da wir währenddessen allerdings mitten in diesem idyllischen Landschaftsbild sitzen, uns unsere Arbeit selbst einteilen können und nicht selten nebenbei Wildtiere wie Kojoten, Bären, Weisskopfseeadler und Hirsche sehen, macht uns das wenig aus.

Anfang August ist alles Heu eingebracht. Seither sieht ein typischer Tag so aus bei uns:

Morgens um 6 Uhr stehen wir auf und trinken Kaffee in unserem Wohnzimmer mit Blick auf den Fluss (der Traum jeden Anglers – schade, dass wir beide nicht fischen). Um 7 Uhr fangen wir an zu arbeiten. Während sich Biene um die 6 Jagdhunde kümmert und eine erste Runde mit ihnen dreht, findet Uli immer irgendwelche Maschinen zur Reparatur. Mittagessen gibt es um 12. Anschließend arbeiten wir weiter bis zum Abendessen um 18 Uhr. Gegen 20 Uhr machen wir die Hunde fertig für die Nacht und fahren einmal quer über das Gelände in unser Zelt. Dort lassen wir den Abend  je nach Temperatur in unserer vorgeheizten Holz-Badewanne auf unserer Terrasse oder auf der Couch im Wohnzimmer ausklingen. Gelegentlich sehen wir dabei morgens wie abends einen Bär vorbei laufen.

Seit einer Woche arbeiten wir nun nur noch halbtags und nur noch 5 Tage die Woche. Die Nachmittage nutzen wir für die Erkundung der herrlichen Umgebung. Oder wie letztes Wochenende für einen Kurztrip nach Alaska.

Das waren sie also, unsere ersten 92 Tage in Kanada.  

So far, life is pretty good in Canada.

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