Whyalla – Die Invasion der Riesenkraken

Auf den ersten Blick ist Whyalla an der Küste des Spencer Golfs auf der Eyre Peninsula eine der typischen Städte, durch die wir ohne größeren Aufenthalt durchfahren. Eine kleine Industriestadt, in der vorrangig Kupfer abgebaut und Stahl produziert wird, mit hohen Schornsteinen und vor Anker liegenden Frachtern. Ihre Hochzeit hatte sie während des 2. Weltkriegs im Bündnis mit England als wichtiger Zulieferer der Rüstungsindustrie mit Schiffsmanufaktur. Deshalb war auch die Königin von England bereits zweimal hier zu Besuch. Einmal jährlich jedoch geschieht in der kleinen Küstenstadt etwas weltweit Einmaliges: Zwischen Mai und August finden sich zur Paarungszeit bis zu 200.000 Riesenkraken (Australian Giant Cuttlefish) oberhalb der Stadt in der Bucht um Point Lowly ein. Damit ereignet sich hier nur wenige Meter vom Strand entfernt ein einzigartiges Phänomen und eines der spektakulärsten natürlichen Ereignisse in der australischen Meereswelt. Hier ist der einzige Ort der Erde, wo die gesamte Population der Giant Cuttlefish zur Paarungszeit zusammen kommt.

Die auch „Chamäleons des Ozeans“ genannten Tintenfische sind in der Lage, in einem Sekundenbruchteil ihre Farbe, Form und Textur zu verändern, um nahezu mit ihrem Hintergrunde zu verschmelzen wenn sie sich über Felsen, Sand oder Seegras fortbewegen. Da zur Paarungszeit ca. 11 Männchen auf 1 Weibchen kommen, buhlen diese mit spektakulären Farbenspielen und buntem Zurschaustellen um die Gunst der paarungswilligen Weibchen (wie das genau damit zusammen passt, dass die Giant Cuttlefish anscheinend farbenblind sind, konnte uns leider niemand erklären 😉 ). Wir haben eher nebenbei von diesem Spektakel gelesen, denn trotz seiner Einmaligkeit wird dieses Phänomen zum Schutz der Tiere nicht groß vermarktet. In der Bucht selbst deutet außer einigen Info-Schildern zum Giant Cuttlefish nichts auf das hin, was sich hier nur wenige Meter unterhalb der Wasseroberfläche abspielt.

So sehen Hai-Eier aus

Wir wollen schnorcheln, um das farbenfrohe Paarungsritual zu sehen. Unsere Schnorchel und Masken haben wir ja im Rucksack dabei – trotzdem wird noch ein Besuch im Tauch Shop der Stadt fällig, bevor wir zu den übrigens hochintelligenten Geschöpfen ins Wasser springen können. Denn hier ist gerade Winter. Das heißt, die Wassertemperatur beträgt so zwischen 12 und 15 Grad Celsius. Freezing cold! Da ist nichts mit Bikini bzw. Badeshorts an und ab ins Wasser, wie wir das von Asien gewöhnt sind. Schnorcheln hat hier mehr was von Eiswasser-Tauchen: Erst mit Body Liner (dünner Strampelanzug), Neoprenweste (für Biene), Semidry Suits (5 mm dicker Neopren-Taucheranzug), Weight Belts, Handschuhen, Kapuzen, Socken (für Biene) und Neoprenschuhen sind wir passend ausgestattet. Weil das wie vieles in Australien nicht ganz günstig ist, freuen wir uns sehr über den Osterhasen von Uli´s Eltern, von dem wir uns dieses Erlebnis gönnen.

  VIELEN DANK, MAMA & PAPA!

Wir schlafen in unserem Lion King mal wieder direkt am Meer und am nächsten Morgen nach einem herrlichen Sonnenaufgang und Kaffee am Strand watscheln wir bei strahlendem Sonnenschein wie die Pinguine ins Meer. Nach einem kurzen zusammen zucken, als die ersten Schwünge kaltes Wasser durch die Schutzschichten eindringen, ist es eigentlich ziemlich erträglich und wir können uns ganz auf die sich unter uns tummelnden Riesenkraken konzentrieren. Die Paarungszeit fängt erst an und wir hatten deshalb schon Sorge, ob wir denn überhaupt schon Kraken sehen werden. Völlig unbegründet, wie wir merken, als unsere Augen erstmal die ersten gut getarnten Exemplare auf dem dicht bewachsenen Seeboden ausmachen. Wir sehen Dutzende der beeindruckenden Tiere, die übrigens hochintelligente Geschöpfe sind. So tarnen sich die kleineren Männchen als Weibchen, um nicht im Konkurrenzkampf mit den größeren Artgenossen den Kürzeren zu ziehen. Eine Masche, die sogar meist Erfolg hat – die Weibchen scheinen intelligente Taktiken zu honorieren. 😉 Im Gerangel mit anderen Männchen lassen die Kraken dunkle Wolken über ihre Körper laufen. Das schaut aus wie aus einem Zeichentrickfilm, total beeindruckend. Überhaupt ist es absolut beeindruckend, den Riesenkraken zuzusehen, wie sie ihre Gestalt, Farben und sogar ihre Oberfläche auf den verschiedenen Untergründen verändern oder anfangen zu leuchten und sich zur Schau zu stellen, wenn sie um ein Weibchen rangeln.

Es kann losgeh´n ins kühle Nass

Mit bis zu 60 cm Länge und 5 kg Körpergewicht sind die Australian Giant Cuttlefish eine der größten Tintenfisch-Spezies. Wenn die kleinen Tintenfische nach 3-4 Monaten aus ihren Eiern schlüpfen, gibt es für sie eigentlich nur ein Lebensziel: So groß und stark wie möglich werden, um in der kommenden Paarungszeit die besten Fortpflanzungschancen zu haben. Ist diese Mission beendet, neigt sich die Lebenszeit der erschöpften Riesenkraken bereits dem Ende zu – gerade einmal 18 Moante werden sie im Schnitt alt. Gerade genug für eine Fortpflanzungsseason. Wo die Riesenkraken sich zwischen dem schlüpfen und der Migration zurück nach Point Lowly zur Paarung aufhalten ist bislang noch ihr herrliches Geheimnis. Nach gut einer Stunde wird es dann doch langsam kühl und wir waten zurück an Land. Außer uns ist niemand im Wasser und wir haben den ganzen Küstenabschnitt für uns. Daher parken wir Lion King direkt hier am Meer, kochen gemütlich, trinken abends ein Glas Wein und schauen mal wieder in einen tollen Sternenhimmel.

Unser Platz am Meer

Ach, noch eine Seltenheit gibt es in dieser Bucht: der einzige Kieselstrand Südaustraliens, womit ganz stolz Marketing gemacht wird 😀 Am nächsten Tag haben wir wieder Glück mit dem Wetter, es ist fast wolkenlos morgens und sogar windstill, das Meer liegt ruhig vor uns. Und es kommt noch besser: anfangs wird Biene beim Schnorcheln von einem Rudel Delphine begleitet, dass keine 10 Meter parallel neben ihr mit schwimmt. Leider hat sie es selbst aber gar nicht bemerkt 🙁 Wieder sehen wir unzählige Riesenkraken, wie sich sich schier unsichtbar an den Hintergrund angleichen, sich tarnen, ihre Gestalten ändern und sich prachtvoll zur Schau stellen.

Und weil Worte gar nicht so richtig beschreiben können, wie cool das aussieht, könnt ihr Euch hier selber einen kleinen Eindruck davon machen.

Vorhang auf für die Riesenkraken: