Zu Besuch bei den glücklichsten Menschen der Welt?!

Mit den Ni-Van wurden wir anfänglich nicht recht warm. Hatten wir doch bei unserer Recherche zum Land wiederholt gelesen, dass die ni-Van die glücklichsten Menschen der Welt sein sollen.* Für uns spiegeln sie das bei unserer Ankunft in Port Vila nicht so recht wieder. Vor allem nicht nach unserer herzlichen Begegnungen mit den -laut selbiger Studie- fröhlichsten Menschen der Welt, den gastfreundlichen Fijianern. An unseren ersten beiden Stationen im Land, den Städten Port Vila und Luganville waren wir manchmal sogar richtiggehend gefrustet von der gleichgültigen und teilweise schon fast ablehnenden Haltung der Ni-Van.

Dass wir mit Vanuatu rückblickend dennoch einige der eindrücklichsten und schönsten Begegnungen unserer bisherigen Reise verknüpfen, liegt vor allem an 2 wundervollen Begegnungen:

1 – Zuhause im Dschungel auf MALEKULA

Obwohl Malekula die zweitgrößte Insel Vanuatu’s ist und zwischen Espiritu Santo und der Hauptinsel Efate liegt, wird sie von viel weniger Besuchern angesteuert Auch in unserem Reiseführer wird die Insel eher beiläufig erwähnt. Was uns natürlich nur viel neugieriger auf sie macht, als wir ohnehin schon sind. Soll hier doch bis in die 1960er Jahre hinein von den befeindeten Stämmen der Big Nambas und der Small Nambas tatsächlich noch Kannibalismus praktiziert worden sein. So sehr waren die Stämme und selbst die Dörfer untereinander verfeindet, dass es auf der Insel nicht einmal Straßen gab. Wer sich da im Dschungel verlief und im falschen Ort landete, lief schnell Gefahr, im Kochtopf zu enden. Vielleicht gibt es auch gerade aus diesem Grund hier so wenig Tourismus. 😉 Heute aber leben die einst kriegerischen Stämme friedlich miteinander auf der Insel. Dank australischer bzw. neuseeländischer Entwicklungshilfe werden mittlerweile auch (laaangsam) erste Straßen gebaut. Für uns war klar: Malekula klingt spannend, abgelegen und nach Abenteuer – da wollen wir hin!

Als wir gegen Abend mit der Fähre aus Espiritu Santo auf Malekula anlegen, wollen wir direkt weiter in den Westen der Insel. Hier sollen im Dorf Unmet noch Mitglieder des Volkes der Big Nambas traditionell leben. Nach einem kurzen Gespräch mit den 2 am Steg wartenden Pick-up Fahrern (= die lokalen Busfahrer) bringt uns einer von ihnen nach Lakataro, dem kleinen Hauptort der Insel. Der winzige Kiosk hier ist das einzige Lebensmittelgeschäft der Insel. Vorsorglich decken wir uns mit Verpflegung für 3 Tage ein, bevor wir auf den nächsten Pick-up nach Unmet umsteigen wollen. Nachdem wir nochmal mit Peter, dem Fahrer unseres Pick-ups, sprechen, überlegen wir es uns allerdings anders. Die Fahrt nach Unmet dauere mindestens 2 Stunden, gibt er uns zu bedenken. Da es bereits dämmert hieße das, dass wir in stockdunkler Nacht in dem kleinen Dorf ankommen würden – nicht gerade ideal, um uns dort noch einen Zeltplatz zu organisieren. Wohin er denn fahre, fragen wir deshalb. In den Norden, antwortet Peter. Der Norden ist aufgrund der besseren Straße („besser“ darf hier nur im Vergleich zu den übrigen holprigen Staubpisten der Insel stehen) schneller zu erreichen und außerdem Stammesgebiet der „Small Nambas“. Ungefähr eine Stunde solle die Fahrt zum ersten der zwei uns bekannten Dörfer dauern, sagt Peter. Alles klar. Wir ändern kurzerhand unsere Pläne und springen wieder auf seinen Pick-up auf. Zusammen mit 10 Anderen teilen wir uns die bereits mit Kartons und Taschen vollgeladene Ladefläche.

Schon nach knapp 40 Minuten halten wir an. Peter bedeutet uns abzuspringen. Wir sind verwirrt: Kann es sein, dass wir schon in dem Dorf sind? Nach unserer Erfahrung mit vanutischen Zeitangaben kann sonst auf die angegebene Zeit immer mindestens nochmal die Hälfte draufgeschlagen werden. Wir sehen auch nur ein Wohnhaus und dahinter dichten Dschungel. Hier können wir nicht richtig sein. Wir denken, dass das sicherlich ein Missverständnis ist und wollen Peter nochmal sagen, wo genau wir hinwollen. Aber Peter lädt schon unsere Rucksäcke ab. Moment mal! Da wendet sich Peter auch schon zu uns um und erklärt uns, dass wir nicht vor Dunkelheit im Dorf ankommen würden. Spätabends würde es schwer werden, dort noch nach einem Zeltplatz zu fragen. Deshalb hat er uns zu sich nach Hause gefahren. Hier sollen wir in aller Ruhe übernachten, bevor er uns am nächsten Morgen weiter in den Norden fährt. Wir sind erst einmal vorsichtig, fast schon misstrauisch. Wo genau sind wir? Möchte er Geld für die Übernachtung? Aber irgendwie haben wir ein gutes Gefühl. Peter ist uns sympathisch. Und auch seine Frau Esther, die dazukommt und der Peter kurzerhand erklärt, dass wir heute ihre Gäste sind, macht einen herzlichen, wenn auch ebenso überraschten Eindruck wie wir. Wir beschließen, unserem Bauchgefühl zu vertrauen und die Einladung anzunehmen.

Da verabschiedet sich Peter auch schon wieder. Er muss die restlichen Passagiere noch in ihre Dörfer fahren, was mindestens noch 2 Stunden dauern wird. Wir bleiben mit Esther zurück. Wie viele Ni-Van spricht sie als Zweitsprache Französisch anstelle von Englisch. Mit Biene’s eingerostetem Französisch und ihrem ältesten Sohn als Übermittler können wir uns zumindest ein bisschen unterhalten. Obwohl Esther von ihren plötzlichen Gästen ebenso überrascht ist wie wir von unserer heutigen Unterkunft, heißt sie sogleich ihre Söhne an, deren Bambushütte für uns zu räumen. Das ist uns ziemlich unangenehm. Wir wollen lieber neben dem Haus zelten, als den Fünfen ihre Matratze wegzunehmen. Aber unser Widerspruch wird nicht geduldet. In Windeseile räumen die Jungs ihre wenigen Sachen ins größere Haupthaus und stellen unsere Rucksäcke in ihr Reich. Wir seien schließlich Gäste.

Direkt im Anschluss wartet auch schon das Abendessen. Es gibt Reis, Cassava und gekochtes Gemüse. Gekocht wird hier noch auf offenem Holzfeuer. Um niemandem etwas wegzuessen – schließlich wurde nicht mit Gästen gerechnet – essen wir nur ein kleines bisschen. Esther entschuldigt sich schon fast für das aus ihrer Sicht einfache Essen. Immer wieder hebt sie etwas verlegen die Achseln und sagt „local, local„. Dazu müssen wir sagen, dass wir Peter zu Beginn eindringlich gebeten haben, uns nicht zu einem der wenigen Gasthäuser der Insel zu bringen, da wir erleben möchten wie die lokale Bevölkerung lebt – und nicht ein geschöntes Touristenbild vorgeführt bekommen wollen. Er hat das wohl an Esther weitergegeben.

Local, local!“ entschuldigt sich Esther auch wieder, als sie uns nach dem Abendessen „Bad“ und Klohäuschen zeigt. Das Bad besteht aus einem Wasserschlauch, aus dem 20 Meter hinter dem Haus im Dschungel Flusswasser in mehrere aufgestellte Tonnen fließt. Wir versichern ihr, dass wir Open-Air Bäder toll finden – und hey, immerhin gibt es fließend Wasser! Das haben wir auch schon anders erlebt. Auch das separate Klohäuschen kann uns nicht schocken. Zwar ist das von dünnen Holzwänden umgebene Loch-in-den-Bodenplanken-Plumpsklo sicher keine japanische Luxustoilette – aber immerhin haben wir als erfahrene Backpacker wohlweislich eine Rolle Klopapier im Rucksack. Darüber sind wir dann auch sehr froh. Denn die lokale Variante zum abwischen des Allerwertesten sind Kokosnussfasern…. Nein, kein Scherz!

Nach dem Essen unterhalten wir uns mit Esther darüber, wie ihre Tage hier verlaufen, wenn kein unangekündigter Besuch auf der Matte steht. Da sie uns erzählt, dass samstags immer im weit entfernten Garten gearbeitet wird, vereinbaren wir, ihr morgen als Dankeschön für ihre Gastfreundschaft bei der Gartenarbeit zu helfen und erst im Anschluss weiter zu fahren. Anschließend schließen wir nur noch kurz die Autobatterie in unserer Hütte an, um im Licht geschwind das Moskitonetz zurecht zu ziehen, bevor wir uns müde auf die Matratze fallen lassen.

Am nächsten Morgen sollte es dann allerdings doch ganz anders anders kommen.

Als wir gegen 7 Uhr aufstehen, warten die Kinder schon mit einem randvoll gefüllten Tablett voll frischer, tropischer Früchte auf uns zum Frühstück. Zu trinken gibt es frisch gepflückte Kokosnuss, aus der wir anschließend auch noch das Fruchtfleisch essen können. Lecker! Peter ist auch wieder da. Wir unterhalten uns und er sagt uns, dass wir unsere Pläne wohl etwas ändern müssen, da am Abend des Vortages sein Onkel verstorben sei. Heute werden sich deshalb alle Erwachsenen der umliegenden Dörfer bei der Familie seines Onkels versammeln. Auch die Bewohner des Dorfes der Small Nambas. Er werde sie aber fragen, ob wir morgen ins Dorf kommen dürfen. Esther werde deswegen heute aber auch nicht im Garten arbeiten. Ob wir dennoch so lange noch bleiben möchten? Na klar möchten wir. Wir möchten gerne helfen, so gut es geht und beschließen die 5 Söhne samt 1 Neffen zu beschäftigen, solange Esther & Peter weg sein werden.

Also ab an den Strand! Der knapp halbstündige Fußweg dorthin führt uns durch dichten Dschungel und die Jungs haben große Freude daran, uns auf dem Weg alle möglichen tropischen Früchte zu pflücken. So ganz verstehen tun sie unsere Begeisterung darüber allerdings nicht. Hier ist es einfach ganz normal, dass das Essen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Bäumen wächst und nicht viel dafür getan werden muss. Wie uns Peter später erzählen sollte, ist das zwar einerseits großartig – andererseits rege es die ni-Van nicht unbedingt zum Arbeiten an – wozu auch, wenn Nahrung auch ohne Einkommen jederzeit verfügbar ist? Wir verbringen einige lustige Stunden mit den Jungs am Strand. Auf dem Heimweg erleben wir dann unseren ersten richtigen Monsunschauer auf Vanuatu: innerhalb von wenigen Sekunden sind wir klatschnass. Aber nicht weiter schlimm, schließlich ist es tropisch warm – und duschen wollten wir ja eh noch. So laufen wir alle lachend und pitschnass in aller Seelenruhe zurück zum Haus. Nachdem die 5 Jungs uns gegenüber anfänglich noch etwas schüchtern waren, ist es spätestens jetzt vorbei damit. Als Esther später heim kommt, ist sie überwältigt davon, wie aufgeweckt und mit welchem Eifer die Jungs bei den Spielen dabei sind, die ihnen Biene beibringt. Wie sie uns später am Abend erzählt ist es das erste Mal, dass die Kinder andere Spielkameraden als ihre Geschwister haben. Jetzt wird auch auf Vanuatu Galgenmännle, Kommando Bimberle, 4 gewinnt und co. gespielt 😉

Zum Abendessen steuern wir den Proviant bei, den wir für unsere Zeit auf Malekula kauften. Im Anschluss laufen wir beide noch ins Dorf. Wir wollen in die lokale Kavabar. Und obwohl es Frauen eigentlich nicht gestattet ist, diese zu besuchen, wird für Biene eine Ausnahme gemacht und wir bekommen die letzten Schalen Kava des Tages geschenkt. Anders als auf Fiji, wo das Kava trinken hauptsächlich eine soziale Angelegenheit ist, bei der alle im Kreis sitzen, sich unterhalten und die Schalen reihum gereicht werden, trinkt hier jeder für sich seine eigene Schale in Stille. Daher machen wir uns recht bald wieder auf nach Hause. Hier sitzen wir im Licht der Solarlampen noch lange mit Esther und Peter zusammen und erfahren viel über deren tägliches Leben, das politische System Vanuatu’s und die Herausforderungen, die das Leben hier mit sich bringt. Und das sind so ganz andere, als wir es von Deutschland kennen…

Auch beschließen wir an diesem Abend, nicht in das Dorf der Small Nambas weiter zu reisen. Denn wie uns Peter erzählt, leben diese im Alltag nicht mehr besonders traditionell. Nur zu besonderen Festtagen – oder eben für zahlende Touristen – ziehen sie ihre außergewöhnliche Kleidung an und führen traditionelle Tänze auf. Da gerade keine Feier ansteht und wir keine 50 $ pro Nase zahlen möchten (ein, so versichert uns Peter, höchst überteuerter Preis), damit sich die Dorfbewohner für uns „verkleiden“, nehmen wir stattdessen Peter’s Einladung an, ein paar weitere Tage bei ihnen zu bleiben. Schließlich erleben wir hier auch das wahre lokale Leben.

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Das heißt auf Vanuatu: Kirchgang! Die Menschen sind wie in den meisten Ländern Polynesiens auch hier tief religiös und kaum einer geht sonntags nicht zur Messe. Selbst wenn das für viele bedeutet, mehrere Kilometer Fußweg zur nächsten Kirche zurück legen zu müssen. Natürlich kommen wir – sehr zur Freude der anderen – mit zur Messe ins nächste Dorf. Biene bekommt sogar extra für den Kirchgang ein festliches Inselkleid von Esther ausgeliehen. Uli darf trotz fehlender Krawatte in seiner langen Hose und Poloshirt auch mit. In bester Sonntagskleidung geht es im frisch gewaschenen Auto auf zur Kirche. Hier ziehen wir beiden Exoten natürlich die Aufmerksamkeit der gesamten kleinen Kirchengemeinden auf uns und der Priester begrüßt uns persönlich mit Handschlag. Ausnahmsweise dürfen wir trotz eigentlich strenger Geschlechtertrennung auf derselben Kirchbank Platz nehmen.

Und weil sonntags der Tag der Ruhe ist, verbringen wir den Nachmittag abermals mit den Kindern und Esther am Meer. Gegen später hilft Biene Esther beim Kochen. Dabei tauscht sie auch einige simple Rezepte mit Esther. Denn obwohl hier so viele verschiedene Früchte und Gemüse wachsen, ist die Küche Vanuatu’s nicht sehr abwechslungsreich und bietet geschmacklich kaum Varietät. Kräuter oder Gewürze werden keine verwendet. Esther freut sich über neue Ideen und so gibt es vielleicht inzwischen schon regelmäßig Bananenkuchen 😉 Das im offenen Feuer der Küche gegrillte Stockbrot kommt jedenfalls schon mal sehr gut an 😉 Nachdem die Kinder im Bett sind, sitzen wir Erwachsenen wieder unter dem klaren Sternenhimmel zu den Lauten des Dschungels beisammen. Wir haben unsere Rucksäcke ausgeräumt und lassen alle Dinge da, die hier einen größeren Nutzen haben als bei uns (wie Kamera, Taschen, Stifte, Notizblöcke, Hefe, Gewürze etc.). Während Uli Peter erklärt, wie seine neue Kamera funktioniert, webt Esther nebenbei aus großen Palmblättern gekonnt eine sehr stabile, reissfeste Tasche. Darin soll mit der morgigen Fähre Gemüse in die Hauptstadt transportiert werden. So hat sie es von ihrer Großmutter gelernt. Wir sind begeistert – wieviel praktischer und ökologischer als Einweg-Plastiktüten! Auch die Böden und Wände der Häuser werden mit gewebten Palmblattmatten ausgelegt – diese werden dann alle 5 Jahre einfach erneuert. 100% ökologisch abbaubare Inneneinrichtung also!

Später an diesem Abend haben Esther und Peter noch eine ganz besondere Überraschung für uns: Sie haben beschlossen, das Baby welches sie in wenigen Monaten erwarten, nach uns zu nennen. Damit wir eines Tages wiederkommen, um unser Patenkind kennenzulernen. Wir sind sehr gerührt! Und fühlen uns zutiefst geehrt!

Den Abschied von der ganzen Familie tags darauf macht uns das nicht wirklich leichter… Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr uns Peter und seine Familie in diesen wenigen Tagen ans Herz gewachsen ist!

Familie John

…und wir sind sehr gespannt, ob tatsächlich schon bald eine kleine Sabine oder ein kleiner Uli durch den Dschungel Malekula’s springt! 🙂

* Quelle: http://www.happyplanetindex.org/data/