In Neuseeland’s Abenteuerhauptstadt Queenstown bleiben wir trotz sympathischen Ischgl-Atmosphäre nur eine Nacht. Zum einen haben wir uns nach Abwägen von Kosten und Erlebnis für dieses Mal gegen die zahlreichen Angebote an Bungeejumping, Fallschirmspringen etc. entschieden. Queenstown hat seinen Preis – und der liegt nunmal nicht auf Backpackerniveau. Zum anderen laden die arktischen Winde, die im Spätsommer schon hier durchziehen, nicht gerade dazu ein, eine weitere Nacht im Botanischen Garten zu zelten. So frühstücken wir gemütlich im Park, nutzen das kostenfreie W-Lan der Bibliothek und bestaunen noch etwas die Bergkette der Remarkables, eine von nur zwei Gebirgsketten weltweit, die in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet sind. Beeindruckender als ihre geografische Besonderheit finden wir ihre optische Schönheit. Wie gemalt erheben sich die hohen Berge direkt hinter den Stadtgrenzen. Im Anschluss machen wir uns weiter auf den Weg ins 50 km entfernte Glenorchy. Bereits kurz hinter dem Ortsschild haben wir Glück. Ein australisches Paar hält für uns an und da die beiden genauso begeistert von der Landschaft sind wie wir, können wir auf der wunderschönen Strecke entlang des Sees Wakatipu sogar einige Fotostopps einlegen.

Nach gut einer Stunde Fahrt erreichen wir Glenorchy. Der kleine Ort mit nur 3 Straßen ist Ausgangort für unsere nächste Wanderung: der Routeburn Track! Mit 32 km einer der kürzeren Great Walks bietet die 2-3 tägige Wanderung zwischen den Nationalparks des Mount Apiring und des Fjordlandes dennoch beeindruckende Landschaften. Das Gebiet, durch das sich der Wanderweg schlängelt, ist Teil des Weltkulturerbegebietes Te Wahipounamu Südwest Neuseeland. Diese Gegend wurde durch mehrere Vergletscherungen in Fjorde, felsige Küsten, emporragende Klippen, Seen und Wasserfälle verwandelt. Lonely Planet betitelt den Routeburn Track gar als eine der „Top Ten klassischen Wanderungen weltweit“. Kein Wunder, führt der Wanderweg doch vorbei an steilen Gipfeln, alpinen Landschaften, Wasserfällen und spiegelklaren Seen.

Auf dem Routeburn Track finden sich wie auf die Postkarte gemalte Alpenlandschaften
Auf dem Routeburn Track finden sich wie auf die Postkarte gemalte Alpenlandschaften

Da es in Glenorchy nur einen einzigen Campingplatz gibt, hat dieser leider auch das Preismonopol. Wir beschließen, uns die teuren 30 $ für den Zeltplatz zu sparen, gönnen uns aber für 4 $ eine herrlich wohltuende heiße Dusche und suchen uns wie immer ein Plätzchen zum wild campen. Fündig werden wir am Fluss. Hier schlagen wir unser Schlaflager windgeschützt im alten Bootsschuppen auf. Und obwohl es noch Spätsommer ist, zieht es mit Einbruch der Nacht kältetechnisch auch hier schon ordentlich an. Gegen die klirrende Kälte kochen wir uns Spaghetti und heißen Tee. Am späten Abend stößt ein weiterer Wanderer zu uns, der vor wenigen Tagen seine sechsmonatige Wanderung auf dem Te Araroa vollendet hat und bei uns in der Hütte sein Nachtlager aufschlägt. Von ihm erfahren wir, dass wir ohne es zu wissen den Übernachtungs-Geheimtipp der Te Araroa Wanderer in Glenorchy fanden 😀 Was sollen wir sagen? Die Nacht ist eiskalt und am nächsten Morgen können wir alle 3 kaum erwarten, dass die Sonne sich endlich über die Berge erhebt und das Tal in ihr warmes Licht taucht.

TAG 1 – der Berg ruft

Nach einem stärkenden Porridge-Frühstück laufen wir los zum Startpunkt des Routeburn Tracks. Leider – wenn auch eigentlich zum Glück – herrscht in diesem abgelegenen Winkel Neuseelands kaum Verkehr und so wandern wir gut eine Stunde, bis uns ein Goldgräber schließlich aufsammelt und den Rest der Strecke mitnimmt. Dafür ist uns zu diesem Zeitpunkt auch wieder warm. Beim Erreichen des Startpunktes am Wanderparkplatz um die Mittagszeit bekommen wir beim Blick entlang des lang gestreckten Tales schon einen kleinen Vorgeschmack auf die landschaftliche Pracht, die uns später erwarten sollte. Zunächst aber geht es durch moosige Wälder bergaufwärts. Nach 2,5 Stunden auf dem schönen Waldweg erreichen wir die Routeburn Falls Hütte. Mit 80 Betten gehört diese zu den größten DOC-Hütten – und ist während der Wandersaison fast jede Nacht ausgebucht. Wir haben aber sowieso nicht vor hier zu übernachten und ziehen nach einem kurzen Vesper in der Sonne weiter. Schon kurz hinter der Hütte nimmt die Anzahl an Wanderern bedeutend ab. Viele gehen nicht den gesamten Track, sondern laufen nur die 1. Etappe als Tageswanderung.

Die nächsten 1,5 Stunden führt uns der stetig ansteigende Pfad hinauf zum Harris Sattel. Dort empfängt einen je nach Wetterlage ein tiefblauer oder schiefergrauer Lake Harris in der alpinen Landschaft. Umgeben von weiteren schönen kleinen Bergseen in den Furchen und Spalten des Bergsattels liegt er an diesem Tag tiefblau schimmernd vor uns. Da auch der Himmel strahlend blau ist, entscheiden wir uns für den Aufstieg auf den 1515 m hohen Gipfel des Conical Hill. Dieser ist nicht Teil des Routeburn Tracks, sondern bedeutet einen zusätzlichen eineinhalbstündigen Ausflug. Wir lassen also unsere Rucksäcke im Notfall-Unterstand auf dem Harris Sattel zurück und folgen dem kieseligen Trampelpfad bergauf. 45 anstrengende Minuten später stehen wir auf dem Gipfel. Von hier haben wir einen phänomenalen 360° Panoramablick auf die umliegenden Berge der südlichen Alpen. Wir blicken im Süden auf die Gipfel der Darren Range, den 2.537 m hohen Mount Madeline und den schneebedeckten Mount Tutoko mit 2746 m. Und wenn wir den Kopf ein kleines bisschen drehen, sehen wir im Westen bis zum Meer!

Es ist so einzigartig hier oben, dass wir nicht lange überlegen wo wir heute Nacht schlafen wollen. Es kommt nur ein Ort in Frage: hier oben auf dem Gipfel! …auch wenn das bedeutet, dass wir zuerst noch einmal absteigen und den anstrengenden Aufstieg ein 2. Mal mit Gepäck machen müssen! Für die Anstrengung werden wir direkt entschädigt. Wieder oben angekommen, sind wir weit und breit die einzigen Menschen. Unter unseren Füßen liegen kleine Bergseen und moosige Spalten, vor uns taucht der Sonnenuntergang die atemberaubende Landschaft in magisches Licht!

Sobald die Sonne hinter den Berggipfeln abgetaucht ist, weht uns ein eisiger Wind um die Nasen. Schnell suchen wir uns einen windgeschützten Quadratmeter fester Erde mit Blick nach Osten, breiten unsere Schlafsäcke über dem ausgebreiteten Regenponcho aus und stecken unsere Zeltplane flach darüber fest. Das sollte die schlimmste Kälte zumindest lindern. Dann mummeln wir uns – Biene vierschichtig bekleidet – in unser Schlaflager. Zu Wärmflaschen umfunktioniert dürfen unsere Trinkflaschen ebenfalls mit in die Schlafsäcke. So vorbereitet wird es innen tatsächlich wohlig warm. Nur alles, was aus der warmen Höhle hinaus schaut wird innerhalb weniger Sekunden zum gefühlten Einszapfen. Trotzdem stecken wir immer wieder unsere Nasen aus dem Schlafsack, um einen so eindrucksvoll funkelnden Sternenhimmel zu bewundern, wie wir ihn noch nie zuvor (außer vielleicht Biene in der Nacht am Mount Everest Basecamp in Tibet) gesehen haben. Es ist das pure Glück! Dieses Gefühl, das wir in dieser Nacht weit abgelegen von jeglichem Zeichen von Zivilisation auf diesem Berggipfel unter freiem Himmel schlafend, empfinden – es ist die pure Freiheit!

Wunderschönes Erwachen im Morgengrauen
Einmalige Stimmung im Morgengrauen

TAG 2 -Frühstück über den Wolken

Am nächsten Morgen wachen wir von der aufgehenden Sonne auf. Wir haben richtig kalkuliert und können einen herrlichen Sonnenaufgang direkt aus den Schlafsäcken heraus bestaunen. Auf unserer Zeltplane glitzert eine dünne Eisschicht. Der sichtbare Beweis, dass es nachts im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt war! Im goldenen Morgenlicht liegt die Welt unter uns noch in einem weissen Wolkenmeer verborgen. Während wir uns Porridge zum Frühstück zubereiten, gibt der beginnende Tag ganz allmählich das alpine Tal unter uns frei.

Noch bevor die ersten Wanderer den Gipfel erklimmen, sind wir bereits wieder auf dem Abstieg. Die nächsten Stunden geht es oberhalb der Baumgrenze parallel zum Tal entlang. Dabei begleiten uns tolle Aussichten auf die gegenüberliegende Gebirgsskette der Darren Range. Zu Mittag erreichen wir die am grünlich schimmernden Mackenzie See gelegene gleichnamige Hütte. Anschließend geht es langsam wieder durch moosbewachsene Waldstücke bergab. Hier in dieser Gegend lebt der Kea, der einzige alpine Papagei der Welt. Leider sehen wir an diesem Tag keinen der frechen Federtiere. Dafür überqueren wir auf Hängebrücken mehrere Gebirgsflüsse und queren rauschende Wasserfälle. Ca. 30 Minuten vor dem südlichen Ende des Wanderweges plagen wir unsere Beine zu einem letzten halbstündigen Aufstieg auf den Key Summit. Von diesem Gipfel haben wir noch einmal gute Sicht auf die Berge der Humboldt Range. Da wir schon einmal oben sind, begehen wir auch noch den 20-minütigen Naturkundepfad. Das ist unser Glück, da wir sonst beim Abstieg nicht Anita & Peter getroffen hätten. Gemeinsam mit dem sympathischen deutschen Paar, das gerade Urlaub in Neuseeland macht, laufen wir die letzten Meter zum Ende des Wanderweges bei The Divide.

Am Parkplatz angekommen, dürfen wir bei ihnen ins Auto einsteigen und die lange Strecke bis zu ihrer Lodge kurz vor Te Anau mitfahren. Wir hatten schon etwas Bedenken, dass wir so kurz vor Sonnenuntergang noch einen Lift in dieser abgelegenen Ecke des Fjordlandes bekommen – und so kriegen wir sogar noch ausgesprochen nette Unterhaltungen dazu! Ein Kajak-Tourguide nimmt uns nur wenig später das letzte Stück bis zum kleinen Örtchen Te Anau mit. Dass wir das an diesem Tag noch erreichen, hätten wir gar nicht erwartet. Damit haben wir den kompletten Routeburn Track in 2 Tagen zurück gelegt. Mit seiner eindrucksvollen alpinen Natur, den schneebedeckten Gipfeln der südlichen Alpen und den spiegelnden Bergseen ist er eine unserer Favoriten-Wanderungen Neuseeland’s.

Und diese klirrend kalte Nacht auf dem Gipfel werden wir nie vergessen – sie wird uns immer als unsere tollste Nacht unter freiem Himmel in Erinnerung bleiben! In dieser Nacht fühlten wir uns wie große Weltentdecker, wie Abenteuer auf einer ungewissen Expedition…was wir ja in gewisser Weise auch sind.

Blick über die Berge bis zum Meer

6 Gedanken auf \"Neuseeland´s Routeburn Track – so fühlt sich Freiheit an!\"

  1. Oh wie ich Neuseeland liebe! Den Routeburn Track bin ich leider nicht gegangen, aber er sieht und liest sich wunderbar! Der Kepler-Track war auch ziemlich schön. Ich muss definitiv noch einmal in dieses Land 🙂

    1. Wir können den Routeburn Track wirklich sehr empfehlen. Bei uns war der Track auch trotz Kaiserwetter nicht überlaufen. Den Kepler-Track haben wir leider noch nicht geschafft – da müssen wir wohl ebenfalls nochmals nach Neuseeland reisen… 😉

  2. Das sieht märchen- zauber- traumhaft schön aus 🙂 Ich kenne dieses Freiheits-Gefühl aus Australien. Ozeanien schafft das ganz gut: die Sache mit dem glücklich machen und so. LG Christina

    1. Da hast Du recht, Christina – Australien bot uns auch viele dieser Momente, in denen wir uns vogelfrei und grenzenlos fühlten. Und glücklich. Wer weiß, ielleicht liegt es ja an der endlosen Weite des Meeres, in dem Ozeanien liegt…:-)
      ! Wir schicken Dir viele Grüße nach down under,
      US

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