Der Baikalsee – die blaue Perle Sibiriens

IRKUTSK

Als wir in Irkutsk aussteigen, haben wir zum ersten Mal das Gefühl, tatsächlich in Asien angekommen zu sein. Nach der Metropole Moskau und der Plattenbau-dominanten Industriestadt Krasnojarsk, ist hier alles etwas „kruschteliger“, weniger geordnet, die Gehwege nicht mehr so gehegt wie Vorgärten und der Verkehr verrückter. Ein russisches Sprichwort aus dieser Region lautet: „Russland ist groß und der Zar ist weit“. Genau dieses Gefühl vermittelt uns die Stadt. Obwohl zu Russland gehörig, ist die geografische Lage in Asien quasi greifbar. Auch die Einwohner sind größtenteils burjatischer Abstammung, eine asiatische Volksgruppe mongolischer Herkunft.

Irkutsk wird auch das „Paris Sibiriens“ genannt und war in vergangenen Tagen zur Hochzeit der Seidenstraße Russlands Tor zum Osten und wichtigster Handelsort Sibiriens. Heute ist die Stadt mit ihren ca. 500.000 Einwohnern vor allem durch ihre Nähe zum Baikalsee als Ausgangspunkt und Transporthub bei Touristen beliebt. Auch wir unterbrachen hier unsere Reise auf Schienen, um von Irkutsk aus zum Baikalsee aufzubrechen. Als wir am 1. Mai morgens um 9 Uhr ankamen, nutzten wir die 4 km vom Bahnhof ins Stadtzentrum, um an der Uferpromenade des Flusses Angara entlang unsere 1. Maiwanderung zu starten 🙂

Kleines Travelnerd-Wissen: Die Angara ist der einzige Abluss des Baikalsees, in den immerhin 336 Flüsse hineinfließen. Würden all diese Flüsse gleichzeitig versiegen, könnte der Baikalsee die Angara noch 400 weitere Jahre unverändert speisen. Nebenbei ist der Baikalsee das größte Süßwassergewässer der Erde.
 

Unser Hostel in einer Seitengasse der Hauptgeschäftsstraße fanden wir dank der Adresse in der Buchungsbestätigung schließlich noch. Ohne diese wären wir wohl nie in diese heruntergekommene Gasse abgebogen und hätten hier auch kein Hostel vermutet. Aber wir liefen zielstrebig am Grabsteinverkauf im Hinterhof vorbei und hinter der unscheinbaren Tür ohne jegliche Beschriftung fand sich tatsächlich unser Hostel. Die ausschließlich russisch sprachige Besitzerin hieß uns auch gleich herzlich willkommen. Nach einer kurzen Dusche brachen wir auf, um unsere Maiwanderung fortzusetzen und nahmen uns das ehemalige Fährschiff „Angara“ zum Ziel, das vor Fertigstellung der Gleisstrecke bis 1908 die Passagiere der transsibirischen Eisenbahn über den Baikalsee brachte und nun als Museumsschiff vor den Toren der Stadt im Stausee der Angara vor Anker liegt. Wieder wurden wir von der Weite Sibiriens überrascht…. Nach über 2 Stunden wandern nahmen wir für die restliche Strecke und für den Rückweg schließlich den Bus 😀
Später fanden wir in unserer Straße noch einen tollen Lebensmittelmarkt, der uns ebenfalls mehr an die Foodcourts in Südostasien als an den Naschmarkt in Wien erinnerte 😉 An den meterlangen Fleisch-, Käse- und Fischtheken probierten wir uns durch die lokalen Delikatessen und aßen schmackhaften geräucherten Omul – eine Fischart, die es nur im Baikalsee gibt. Ein kompletter Fisch kostete uns umgerechnet ca. 1,30 €. Da lachen unsere Backpackerherzen 😀 Am nächsten Morgen brachen wir gegen Mittag auf, um mit dem öffentlichen Bus die rund 70 km zum Baikalsee zurückzulegen. Zwar war der nächste Bus schon ausgebucht (auch hier war langes Wochenende), aber in der Straße vor dem Busbahnhof fanden wir zahlreiche private Minibusse, die für den gleichen Preis wie die öffentlichen Busse alle möglichen Ziele ansteuern, sobald sie voll sind. Unser Ziel war Listvjanka, ein idyllisches Dorf mit 1.500 Einwohnern direkt am Südwestufer des Baikalsees. Auf halber Strecke dorthin stiegen wir aus, um noch das Architekturfreilichtmuseum Talcy zu besuchen, in dem traditionelle Holzhäuser aus ganz Sibirien im Original wiederaufgebaut wurden.

LISTVJANKA

In Listvjanka angekommen, machten wir uns sogleich auf die Suche nach einer Unterkunft, da wir im Vorfeld nichts gebucht hatten. Unsere erste Anlaufstelle war die Touri-Info. Unser freundlicher Standard-Begrüßungssatz „Hello! Excuse me, do you speak English?“ wurde von der dortigen Angestellten – ohne den Blick von ihrem Buch zu heben -mit einem barschen „njet“ abgeschmettert. Naja, ist ja auch eine ziemlich gewagte Frage. Wer erwartet bitte, dass die Personen im Touri-Info-Center einer Touristendestination Englisch sprechen?! Also ehrlich! Hier müssen wir allerdings auch betonen, dass das die einzige unfreundliche Begegnung mit Einheimischen war. Ansonsten waren diese ausnahmslos sehr freundlich, äußerst hilfsbereit und wir machten nur positive Erfahrungen. Also liefen wir mit unseren Rucksäcken auf der Suche nach einer Pension/Hostel o.ä. durch die Straßen des Dörfchens, stärkten uns zwischendurch mit frisch geräuchertem Omul vom Straßenstand (auch hier wieder: der asiatische Einschlag) und fanden schließlich in einer anderen Touri-Info Yuri, einen äußerst sympathischen Listvjanker, der uns seine Hütte vermietete. Abends zogen wir los und trafen in einer Bar zufällig Abel, einen zyprischen Studenten, den wir in Krasnojarsk im Bus kennen gelernt hatten und der schon einen Tag länger in Listvjanka war. Auf seine Empfehlung hin änderten wir unsere Pläne für den nächsten Tag und wanderten zu einem Aussichtspunkt hinauf, von dem aus wir eine herrliche Aussicht auf den Baikalsee hatten, als die Wolkendecke gerade rechtzeitig aufriss. Nach einem Abendessen auf dem lokalen Markt mit frischem Omul, der lokalen Dumpingspezialität „Buryat Buuz“ und anderen Leckereien trafen wir uns nochmal mit Abel auf ein Bier, bevor wir den atemberaubenden Sonnenuntergang am Ufer des Baikalsees bewunderten.

INSEL OLCHON

Am nächsten Tag brachen wir früh auf zurück nach Irkutsk, um von dort mit einem anderen Minibus die 4-stündige Fahrt zur Insel Olchon im Westen des Baikalsees anzutreten. Dachten wir. Tatsächlich fuhren wir mehr als 7 Stunden, davon fast die Hälfte über Schotter- und Sandpisten… Wir waren froh, als wir nach der inklusiven Rüttelmassage gegen Abend dort ankamen. Gerade rechtzeitig zum letzten Tageslicht nach dem Sonnenuntergang liefen wir zur Steilküste – die Aussicht war absolut überwältigend! Der Baikalsee ist in diesem Gebiet noch teilweise zugefroren (weshalb auch keine Schiffe in den Norden des Sees fuhren, was ursprünglich unser Plan war) und im Abendrot sahen die sich mit Wasser abwechselnden Eisflächen geradezu mystisch aus! Durch das Eis und Wasser brachen sich die Farben in allen vorstellbaren Rottönen und malten einen wunderschönen Farbverlauf auf den dunklen See. Am nächsten Morgen machten wir uns gleich nach dem Frühstück (russisches Porridge und Pfannkuchen mit Marmelade – eine unschlagbare Kombi) auf, um den See bei Tageslicht zu bestaunen. Es war so eindrucksvoll wie am Abend zuvor. Auf dem Weg dorthin kamen wir auch am Schamanenfelsen vorbei, der im Buddhismus als einer der 9 heiligsten Orte der Welt verehrt wird.

Direkt neben unserem Hostel befand sich ein kleines Caféhaus, zu dem uns das Personal erzählte, dass hier erst vor 2 Monaten das ZDF eine Doku-Serie über 4 junge Deutsche drehte, die am Baikalsee ein Eiscafé eröffneten. Wir haben es gegoogelt, der 1. Teil wurde an Ostern ausgestrahlt – wenn ihr also sehen wollt, wie es hier vor 2 Monaten noch aussah und mehr von der schönen Insel sehen möchtet, hier ist der Link zur Sendung im ZDF: Das Café am Baikalsee
(der sympathische Russe Nikita, der die 4 in Empfang nimmt und ihnen ihre Unterkunft zeigt, ist der Besitzer des Hostels, in dem wir wohnten)
Nach dem Mittagessen (inklusive ist schließlich inklusive 😀 ) brachen wir erneut auf, um zu einem Aussichtspunkt in der Mitte der Insel zu wandern. Auf dem Weg dorthin konnte Biene dem glasklaren Wasser nicht länger widerstehen und wagte sich mit den Füßen hinein – es war im wörtlichen Sinne eisig kalt! …und die 3 Sekunden, bis Uli endlich auf den Auslöser der Kamera drückte, dauerten eine gefühlte Ewigkeit! Nach einem weiteren tollen Sonnenuntergang hieß es am nächsten Morgen bereits wieder Abschied nehmen von der Insel. Welch gute Entscheidung es war, die Insel Olchon zuerst zu besuchen und dann weiter südlich zu ziehen, zeigte sich auf der Rückfahrt, als es zu regnen begann und merklich abkühlte.

SLUDJANKA

Erneut über Irkutsk führte uns unser Weg an einen südlicheren Zipfel des Baikalsees, nach Sludjanka. Hier startet die „Krugobajkalka“, die alte Baikal-Eisenbahnstrecke, die direkt am Ufer des Sees entlang ca. 78 km als Sackgasse bis in das kleine Örtchen Port Baikal führt und auf den Transib-Sonderzugreisen den Höhepunkt der Reise darstellt. Diese Strecke wird auch mehrmals wöchentlich von einem lokalen Regelzug befahren. Dieser stellt für die an der Strecke wohnenden Menschen die einzige Einkaufs-/Versorgungsmöglichkeit dar – eine Straße gibt es nicht. Als wir gegen Abend in Sludjanka ankamen, regnete es mittlerweile in Strömen und so waren wir dankbar, dass uns der nette Busfahrer zu der Adresse des einzigen Hostels fuhr, das wir finden konnten. Dieses war aber leider schon ausgebucht. Ganz am Ende der Straße, so informierte uns der freundliche Besitzer, gäbe es aber noch 2 Häuser, die Zimmer vermieteten. Also hinaus in den Regen. Wir fanden das erste, das in Preis-Leistung nicht unseren Vorstellungen entsprach und liefen weiter ans Ende des Dorfes. Hier klappte es mit Händen und Füßen schließlich auch, dem Besitzer zu verdeutlichen dass wir einen Platz zum übernachten suchen. Er hatte eine Hütte ohne Dusche anzubieten. Da auch die andere Unterkunft ohne Dusche gewesen wäre, aber deutlich teurer, nahmen wir die Hütte. Das Plumpsklo befand sich am anderen Ende des großen Hofes. Haben wir schon erwähnt, dass es in Strömen regnete? Immerhin hatten wir kaltes Wasser in der Hütte. Zum waschen gab es eine extra Waschhütte mit heißem Wasser. Am nächsten Morgen hatte es aufgehört zu regnen. Es schneite. Wie gut – wir hätten fast vergessen, dass wir in Sibirien sind 😀

Wir liefen gleich früh durch das Schneegestöber ans andere Ende des Städtchens zum Bahnhof. Der Bahnhof in Sludjanka ist die einzige Sehenswürdigkeit des Ortes: dieser ist komplett aus Marmor erbaut. Hier wandten wir unsere ganzen russischen Sprachkenntnisse an, um uns Zugtickets für die Krugobajkalka und die Weiterfahrt in die Mongolei zu kaufen. Unser „Ja ne gavorju po-russki“ (=ich spreche kein russisch) haben wir inzwischen soweit perfektioniert, dass die Muttersprachler es verstehen und auch unser „Ja nipanimaju“ (=Ich verstehe nicht) sorgt überall für verstehendes Kopfnicken 🙂 Mit Händen, Füßen und dem kleinen Wörterbuch klappt die Verständigung trotzdem überraschend gut – solange die Gegenüber willig sind, was sie bis auf seltene Ausnahmen immer waren. Die Schalterdame am Bahnhof war sehr hilfsbereit. Da mittwochs der normale Zug nach Port Baikal aber nicht fährt, mussten wir noch eine weitere Nacht in Sludjanka verbringen. Den Tag wollten wir dann noch sinnvoll nutzen und machten uns auf die Suche nach einem Internetcafé, um unseren Blog zu füllen. Pustekuchen – Internetcafé in Sludjanka: njet. Nach 2 Stunden suchen gaben wir auf und suchten die Banya des Ortes. Eine Banya ist eine Art russische Sauna mit Dampfbad und da wir schon keine Dusche hatten, wollten wir diese regionale Besonderheit nutzen. Die Banya fanden wir auch, allerdings auch hier: njet. Mittwochs war Ruhetag.
Also standen wir am nächsten Morgen früh auf, um vor der Abfahrt des Zuges nach Port Baikals am frühen Nachmittag noch in die Banya zu gehen. Draußen lagen inzwischen gut 20 cm Neuschnee, es hatte die ganze Nacht weitergeschneit. Wieder war das Wort des Tages: njet. Zwar war heute geöffnet, aber wohl war die zentrale Heizung kaputt. Alles Wasser kalt. Wir müssen zugeben, dass wir nicht traurig waren, als der Zug abfuhr und wir Sludjanka am Nachmittag verließen.

ALTE BAIKALEISENBAHN

Mit einem sogenannten Schienenbus machten wir uns auf die 78 km lange historische Zugstrecke direkt entlang des Baikalsees. Die Maximalgeschwindigkeit des 3 Waggon langen Zuges beträgt dabei ca. 15 km/h, da die alten Schienen nicht schneller befahren werden können. Entlang der Strecke gibt es zahlreiche historische Tunnel, Brücken und tolle Sichten auf den See. Das Wetter wurde zum Glück im Laufe des Tages besser, es hatte aufgehört zu schneien und klarte etwas auf und so hatten wir auch etwas von dieser Fahrt. Nach gut 5 Stunden kamen wir in dem kleinen Hafendorf Port Baikal an und bezogen ein Zimmer im schön restaurierten historischen Bahnhof. Von dort ging es am nächsten Morgen um 2.45 Uhr bereits wieder auf derselben Strecke zurück, da wir in Sludjanka wieder auf die reguläre Strecke der Transib treffen konnten und von dort direkt in die Mongolei weiter fahren wollten. Allerdings konnten wir dafür in Sludjanka auch keine Tickets kaufen, somit ging unsere nächste Etappe erstmal bis Ulan Ude. Die 2 Stunden Aufenthalt, die wir zwischen der Ankunft mit der alten Baikalbahn in Sludjanka und der Weiterfahrt mit dem Zug nach Ulan Ude hatten, verbrachten am Bahnhof. Wir glauben nicht, dass wir etwas verpasst haben 😉

Auf der Rückfahrt hatten wir nochmals tolle Sicht auf den Baikalsee und die Fahrt mit der alten Baikaleisenbahn muss man gemacht haben. Einmal abgesehen von Sludjanka hat uns der Baikalsee und seine Umgebung total gut gefallen und ist definitiv ein lohnenswertes Reiseziel!